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Reportage

Das Volksstrandparadies der Stadt: Das Strandbad Wollishofen im Sommer 1939. Bilder: Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich.

Wollishofen: Leben zwischen Strand und Autobahn

Von: Jan Strobel

12. Juli 2016

Quartiere einst und jetzt: In loser Folge reisen wir in die Vergangenheit und stellen Impressionen von ­verschiedenen Zürcher Stadtvierteln im Wandel der Zeit vor. Diese Woche: Wollishofen.

«Ich fühlte nur noch das Schöne, das mich umgab, ich atmete den guten Geruch des Wassers ein. Niemals werde ich das vergessen.» Derart verzückt beschrieb ein NZZ-Redaktor im Sommer 1940 seine Erlebnisse im Strandbad Wollishofen. Ein Jahr zuvor war das Bad pünktlich zur Landi eröffnet worden. Wollishofen erhielt mit ihm eine topmoderne Badeanstalt, die in der Schweiz ihresgleichen suchte. Das einstige Bauerndorf zwischen See und Sihl, das gegen seinen Willen bei der ersten Eingemeindung 1893 mit der Stadt quasi zwangsvereinigt wurde, wandelte sich sommers sozusagen zum Volksstrandparadies der Zürcher.

Die neue Badi passte in den 30er-Jahren zur allgemeinen Entwicklung Wollishofens – und die stand ganz im Zeichen von Modernität. Das Quartier wurde zum Zentrum des neuen Bauens, zu einer architektonischen Revolution des Wohnens, die sich besonders in der Werkbund-Siedlung Neubühl noch heute besichtigen lässt. In Wollishofen, so das Credo, sollten die Städter ein lichtdurchflutetes und «befreites» Leben führen. Die Bevölkerungszahl stieg ab den 20er-Jahren kontinuierlich an und erreichte 1961 mit rund 20 000 Einwohnern ihren Höhepunkt. Danach sank sie    wieder. Seit Beginn der 80er-Jahre stagniert die Bevölkerungszahl mit kleineren Schwankungen bei rund 16 000 Einwohnern, die Mehrzahl der Wollishofer ist zwischen 30 und 39 Jahre alt.

Anders als in anderen Stadtteilen war es hier nie zu einer gross angelegten Industrialisierung gekommen, Wollishofen blieb ein Wohnquartier. Die einzig grösseren Industriebetriebe waren die Seidenweberei, später die Standard Telephon und Radio AG, die in der Roten Fabrik beheimatet war, die Schiffswerft und die Waschanstalt an der Seestrasse, deren Räumlichkeiten 1997 zu Lofts umgebaut wurden. Mit den damals so hippen Lofts kam auch der Glamour: Zu den Bewohnern der Waschanstalt gehörten Boris Becker oder Sängerin Patricia Kaas.

Bei aller Modernität, die das Gesicht Wollishofens im Lauf des letzten Jahrhunderts veränderte, kam es auch hier wie an vielen Orten der Stadt besonders in den 50er- und 60er- Jahren zu baulichen Sündenfällen. Einer davon betraf gar das einstige Herz Wollishofens.  1959 wurde der Hirschen an der Seestrasse mit seinem prächtigen Festsaal abgerissen. Der Hirschen hatte einst das Gemeindehaus des stolzen Bauerndorfes beherbergt.

Albisstrasse 39: Einweihung des Märchen­brunnens 1905 (oben). Der Brunnen wurde später versetzt. An seiner Stelle wurde das Gebäude im unteren Bild errichtet.

Seestrasse 346: Wo heute ein Bürobau steht, befand sich bis 1959 der Hirschen mit seinem prächtigen Festsaal. Einst diente das Gebäude als Wollishofer Gemeindehaus. Zuletzt wurden hier 1956 auch ungarische Flüchtlinge untergebracht.

Allmendstrasse 5: Die Trinkhalle wurde 1930 abgetragen und ein Gewerbehaus errichtet. In den 70ern kam die Autobahn hinzu.

Verschwundenes Bauernidyll an der Mutschellenstrasse 134: Das Branntweinbrennhaus und die Scheune wurden 1965 abgerissen.

Rote Fabrik: Arbeiterinnen der Seidenweberei geniessen 1930 in einer Pause die Sonne.

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Leserkommentare

Rolf Bucher - Das Haus am Morgental steht nicht an der Albulastr. 39, sondern an der Albisstr. 39. Die Albulastrasse befindet sich in Altstetten.

Vor 3 Jahren 8 Monaten  · 
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