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Reportage

Pius Müller bewohnt eine 500 Quadratmeter grosse Villa mit Garten und Teich im Zürcher Seefeld. Bilder: GH

Zu Besuch im Haus der Entfaltung

Von: Ginger Hebel

18. September 2018

Wie leben Menschen in Zürich? Das «Tagblatt» gewährt in loser Folge einen Blick hinter die Fassade. Heute: Pius Müller in seiner Künstler-Villa im Seefeld.

Platz gibt es in diesem Haus so viel, dass man sich gegenseitig jederzeit aus dem Weg gehen kann, wenn man das Bedürfnis dazu hat. Es duftet nach ofenwarmer Zwetschgenwähe, die Hausbewohner Pius Müller gerade auftischt.

In der hellen Wohnküche bereitet er einen italienischen Espresso zu, er ist überzeugt, dass es bei ihm den besten Kaffee jenseits von Neapel gibt. «Guter Kaffee ist mir wichtig», sagt der 68-Jährige und lächelt. Der Zürcher bewohnt eine 500 Quadratmeter grosse Villa am Rande der Stadt, an erhöhter Lage über dem Zürcher Seefeld, «vor 25 Jahren war das kein gutes Quartier, heute wollen viele hier wohnen. Es ist spannend, wie sich Städte und Quartiere im Laufe der Zeit entwickeln», sagt Pius Müller.

Wenn man an seiner Haustür klingelt, bellen die Hunde, «sie sind der beste Schutz vor Einbrechern», hält er fest und streichelt Border Collie Micki über den Kopf.

Kunst an jeder Wand

Die 1921 erbaute Villa stand leer, als Pius Müller sie vor 21 Jahren beim Vorbeigehen entdeckte. Sie war damals im Besitz des Schweizerischen Elektrotechnischen Vereins, doch der hohe Preis schreckte sämtliche Interessenten ab. Pius Müller aber blieb hartnäckig. Sein Verhandlungsgeschick zahlte sich aus – er zog ein, und baute das Haus mit den 10 Zimmern nach seinen Vorstellungen um.

Die Wohnküche ist das Zentrum, denn der Hausherr kocht gern, ganz zur Freude seiner Frau, die sich abends nur an den gedeckten Tisch zu setzen braucht und sich von ihm kulinarisch verwöhnen lassen darf. Vor 11 Jahren zog sie bei ihm ein. Doch die beiden sind nicht allein. Die Einliegerwohnung sowie zwei Zimmer haben sie an Studenten vermietet. Gelegentlich kommt auch seine Tochter mit Freunden zu Besuch und veranstaltet eine Pizza-Party im grossen Garten. «Jeder kommt und geht, wann er will, es ist alles sehr unkompliziert bei uns.» Mühe, seinen Wohnraum mit anderen Menschen zu teilen, hat er nicht. «Ich bin keiner, der alleine leben könnte. Ich mag den sozialen Austausch und finde den Generationenmix bereichernd.»

Sein Haus ist voller Kunst und Möbel, die Geschichten erzählen. Kerzenständer von Tinguely stehen wie Wächter neben Skulpturen des verstorbenen Schweizer Bildhauers und Eisenplastikers Silvio Mattioli, einem Freund von Pius Müller, der in seinem Haus seinen 80. Geburtstag feierte.

An der Wand im Salon zieht ein deckenhohes Bild der schweizerisch-amerikanischen Künstlerin Chrissy Angliker die Blicke auf sich. «Es wurde 80-mal übermalt», sagt Pius Müller. Im oberen Stock ist ein farbgewaltiges Bild das Objekt der Begierde. «Ich habe es in Thailand entdeckt. Es zeigt den Tsunami, die Kraft der Natur.» Seine Begeisterung für Kunst ist spürbar. Möbel hingegen müssen in seinen Augen nicht teuer sein, «aber praktisch und bequem». Im Wohnzimmer steht ein grosser Esstisch aus Holz, rundherum bunte Verwaltungsrat-Stühle vom Flohmarkt. Im angrenzenden Raum hat sich seine Frau ein gemütliches Meditationszimmer eingerichtet, um innere Ruhe und Balance zu finden.

See sehen, mehr sehen

Pius Müller war noch nie ein Planer, er hat sich immer treiben lassen und sich neuen Situationen angepasst. Als der gelernte Drogist spürte, dass sein Beruf ihn nicht auf Lebzeiten glücklich machen würde, verfolgte er neue Ideen und heuerte als Stewart auf der Royal Viking Star an, damals eines der teuersten Schiffe. Später führte er als Reiseleiter während 16 Jahren erlebnishungrige Touristen an die schönsten Sehnsuchtsziele.

Heute gehört ihm eine Kunstgalerie im Zürcher Seefeld, zudem reist er immer wieder nach Portugal, um Altstadthäuser zu restaurieren. Er hat viel von der Welt gesehen. Der Drang, aus dem Alltag auszubrechen, sei längst nicht mehr so stark wie früher, eher im Gegenteil. Er ist glücklich im trauten Heim mit dem Panoramablick auf den Zürichsee. Für sein Bett hat er extra eine hohe Holzkonstruktion errichtet, damit er den See auch im Liegen sehen kann. «Von dieser Traumaussicht werde ich nie genug bekommen.»

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Redaktorin Ginger Hebel, Tel. 044 248 63 82

ginger.hebel@tagblattzuerich.ch

 

 

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