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Reportage

Kalt beleuchtete Leere beim Züri-WC-Häuschen neben der Klopstockwiese. Bilder: PD

Zu Besuch im Mirabellen-Darkroom

Von: Jan Strobel

23. August 2016

Klopstockwiese: Der Park in der Enge wird als Hotspot der schwulen OutdoorsexSzene gehandelt. Wir unternahmen einen kleinen Nachtspaziergang.

Wenn es ein Lied gibt, das die Nacht auf der Klopstockwiese untermalt, dann ist es ein alter deutscher Tango aus den 1930ern: «Allein bin ich in der Nacht, meine Seele wacht und lauscht. Herz, hörst du, wie es klingt, in den Palmen singt und rauscht?» Die Palme, das ist in diesem Fall der «Bums-Baum», eine prächtige Mirabelle, über 50 Jahre alt. Den unschönen Namen hatte ihr unlängst der «Blick» verpasst, nachdem sich Anwohner über das Treiben unter ihrer schattigen Krone beschwert hatten. Denn in  Sommernächten treffen sich in dieser Parkanlage, und eben besonders gern unter der Mirabelle,  Homosexuelle zum Outdoorsex oder zum Cruising, der Suche nach einem Sexpartner für eine schnelle Nummer.

Die Klopstockwiese gilt in der Szene gewissermassen als Klassiker, auch wenn das Cruising im Park in Zeiten der Dating-Apps schon längst wie von vorgestern wirkt. Outdoorsex oder der Verkehr in öffentlichen Toiletten ist heute vielmehr ein Sexspiel unter vielen, sozusagen das Zelebrieren verruchter Nostalgie, vermischt mit einer Prise Nervenkitzel, weil man ja jederzeit erwischt werden könnte.

In dieser Sommernacht allerdings ist von Nervenkitzel nicht viel zu spüren. Die Klopstockwiese breitet sich leer in ihrer ganzen Düsternis aus. Die Silhouette des  Schlosses Sihlberg könnte dabei als das gespenstische Bühnenbild eines drittklassigen Sex-Horrorfilms aus den 70ern durchgehen. Kein Rascheln oder Flüstern durchbricht diese Stille. Auch beim durchdesignten Züri-WC-Häuschen herrscht kalt beleuchtete Leere.

Es ist Zeit, selbst für etwas Spannung zu sorgen. Also schlägt der Autor den schmalen Weg durchs dichte Gebüsch oben am Hang ein. Die Glut der Zigarette dient dabei als Signallicht, sollte ein Mann irgendwo, wie in der Geisterbahn auf der Chilbi, im Schatten warten. Es wartet aber keiner. Lediglich beim WC-Häuschen lungern jetzt zwei ältere Herren verdächtig herum, mit den Händen in den Hosentaschen. Sie spielen die Entspannten, es fehlt nur noch, dass sie pfeifen. Nach fünf Minuten sind sie bereits wieder verschwunden. Vom Hotspot der Outdoorszene, als der die Klopstockwiese in einschlägigen Onlineforen gehandelt wird, ist zumindest in dieser Nacht nichts zu erkennen.
Doch es werden immer wieder auch andere Lokalitäten in der Stadt als Treffpunkte für den schnellen Sex genannt. Natürlich sind das traditionell zuallererst die Männersaunas und Sexkinos als feste Adressen; beliebt soll in der Nacht zum Beispiel auch der Hinterhof bei der Migros Wengihof im Kreis 4 sein. Ebenso tauchen das Arboretum oder das Sihlhölzli im Internet als Outdoorsex-Treffpunkte auf. Von einem User empfohlen wird auch das dichte und vor allem abgelegene Gehölz rund um das Schützenhaus Albisrieden. Richtig viel scheint bei all diesen Orten allerdings nicht mehr zu laufen.
Das war Ende der 70er noch anders. Das versteckte Cruising war für Homosexuelle damals oft der einzige Weg, um zu schnellem Sex zu kommen. Ein Zürcher «Stadtplan für Männer» aus dieser Zeit zeigt: En vogue waren besonders der HB an der Limmatseite, die Quaianlagen oder der Platzspitz.

Der Zürcher «Stadtplan für Männer» aus den 70er-Jahren. Aus dem Buch «Mit 80 Karten durch die Schweiz», erschienen im Hier-und-Jetzt-Verlag.

 

 

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