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Reportage

Ruedi Huser ist Zürcher Fahnenschwinger mit Leib und Seele. Bild: Nicolas Y. Aebi

Zürcher Bundesfeier ehrt helvetische Traditionen

Von: Ginger Hebel, Jan Strobel, Christian Saggese

30. Juli 2019

Fahnenschwinger, Blasmusiker, Trachtengruppen und 1.-August-Weggen: Am Nationalfeiertag werden alte Bräuche gefeiert und mit ihnen Zugehörigkeit und Heimatgefühle.

 

Fahnenschwingen - Brauchtum und Kunst

Das Fahnenschwingen gehört zu den ältesten Nationalsportarten der Schweiz. Einer, der diese Kunst beherrscht, ist Ruedi Huser. Der 70-Jährige wirbelt die Fahnen mit Sanftheit und Anmut durch die Luft, «fürs Fahnenschwingen benötigt es keine Kraft, es ist alles eine Frage der richtigen Technik», sagt der Profi. Und dennoch, wer Fahnen schwingt, der schwitzt, denn jeder Schwung bedarf höchster Konzentration. Ruedi Huser hat die helvetische Tradition vor 50 Jahren auf einer Alp erlernt. «Wir unterscheiden zwischen 99 verschiedenen Schwüngen», erklärt er, während er die Schweizer Fahne abwechselnd mit der linken und rechten Hand schwingt, sie sechs Meter in die Luft schleudert und lächelnd wieder auffängt.

Jahrelang lief er bei den Fahnenschwingern am 1.-August-Umzug durch Zürich mit, dieses Mal schaut er erstmals nur zu. «Ich will es für einmal als Zuschauer geniessen», sagt er und erinnert sich an die ­vielen schönen Zürcher Bundesfeiern. «Wir Fahnenschwinger waren immer ein Publikumsmagnet. Es ist ein schönes Gefühl, wenn man weiss, dass man etwas beherrscht, das nicht jeder kann.» Ein Fahnenschwinger, sagt Ruedi Huser, sei wie ein Komponist, der eine Geschichte erzählt. Er nahm oft an Wettkämpfen teil und gewann auch öfters, den Zürcher Wanderpreis zum Beispiel. Seit 1980 fungiert er als technischer Leiter bei der Fahnenschwinger-Vereinigung Zürich und ist für die Ausbildung des Nachwuchses zuständig. Die Freude am Nationalsport gab er auch seinem Sohn Stefan weiter, der als Präsident der Fahnenschwinger Zürich amtet.

Jede Fahne ist 120 cm auf 120 cm gross und aus Kunstseide oder reiner Seide gefertigt. «Fahnen aus reiner Seide bewegen sich ruhig und flattern weniger, was für den Zuschauer schöner aussieht», erklärt Ruedi Huser und zeigt seinen liebsten Schwung, den Achselwurf, den er blindlings hinter dem Rücken durchführt. Er kann sie alle: Körperschwünge, Tellerschwünge, Unterschwünge, die sich wiederum unterscheiden in den Bodenschwung, die Kopfwelle oder das Doppeldächli. «Ich bin stolz, Schweizer zu sein und eine Tradition weitergeben zu können.»

Trachten stellen die Verbundenheit zur Heimat dar

Die Zürcher Bundesfeier steht im Zeichen der verschiedenen Schweizer Trachten. «Mit einer Tracht lässt sich die Zugehörigkeit zur Schweiz darstellen», sagt Johannes Schmid-Kunz, Geschäftsführer der Schweizerischen Trachtenvereinigung. Eine Tracht symbolisiert Heimat und Zusammengehörigkeit. Im alltäglichen Strassenbild sind Trachten heute zwar nicht mehr anzutreffen, dafür werden sie zu ­traditionellen Volksfesten wie dem Zürcher Sechseläuten oder dem Nationalfeiertag getragen. Hier treffen sich die Volkstanz- und Brauchtumsgruppen zur gemeinsamen Feier. «Zürich hat eine grosse Trachtenkultur. Die bekannteste Zürcher Tracht ist die Wehntalertracht mit der leuchtend blauen Schürze», sagt Johannes Schmid-Kunz. Bei Trachten wird grösstes Augenmerk auf die Materialien und die Verarbeitung gelegt.

Stoffe wie Samt, Seide und Brokat sind weit verbreitet, auch aufwendiger Schmuck ist ein wichtiger Bestandteil. In der Schweiz gibt es über 700 verschiedene Modelle. «Ob Appenzeller Sennentracht oder Berner Sonntagstracht, es gibt kein Land, das einen so hohen Widererkennungswert für seine Trachten kennt», freut sich Johannes Schmid-Kunz, der sich dafür einsetzt, dass das Kulturgut erhalten bleibt. Seine Mutter trug oft selber Trachten und unterhielt zu Hause eine grosse Trachtenbücherbibliothek. Johannes Schmid-Kunz heiratete vor 28 Jahren in einer Tracht, «die Qualität ist nachhaltig. Ich trage sie noch heute zu speziellen Anlässen.»

Keine Bundesfeier ohne Stadtmusik Zürich - Blasmusik, die Generationen verbindet

Die 80-köpfige Stadtmusik Zürich weilt gerade in der Sommerpause, doch pünktlich zum 1. August kehren 35 Bläserinnen und Bläser, Schlagzeugerinnen und Schlagzeuger zurück. Denn: keine Bundesfeier ohne Stadtmusik. Der Umzug des Harmonie-Blasorchesters führt durch die Bahnhofstrasse zur Stadthausanlage. «Der 1. August ist ein Traditionsanlass. Es ist ein besonderes Gefühl, wenn die Leute am Strassenrand stehen und wir in unserer historischen Uniform für ­Zürich spielen», sagt Stadtmusik-Präsident Rico Kummer. Er ist in der klassischen Jugendmusik gross geworden und engagierte sich später im Erwachsenenverein. Die 1846 gegründete Stadtmusik ist das repräsentative Musikkorps der Stadt Zürich und zählt 80 Musikerinnen und Musiker, von 18- bis über 80-jährig.

Alle gehen tagsüber ihren Berufen nach und proben jeden Dienstag für die Auftritte in der Tonhalle Maag, für Sommerkonzerte auf der Gemüsebrücke oder dem Hirschenplatz oder die Zürcher Bundesfeier. Gespielt wird Klassisches und Modernes. Viele Vereine bekunden heutzutage Mühe, junge Mitglieder zu finden. Oftmals fehlt der Wille zu langfristigen Verpflichtungen. Bei der Stadtmusik sei das anders. «Wir rekrutieren die Musikerinnen und Musiker über unsere Website», sagt Rico Kummer. Sie kommen mittlerweile aus ganz Europa, darunter viele Studenten, aber auch Berufstätige, die in Zürich beschäftigt sind. «Früher hatten wir in unserem Korps noch Verkaufspersonal. Aufgrund der langen Ladenöffnungszeiten kann es heute leider gar nicht mehr zu den Proben kommen, und somit nicht mehr mitmachen», sagt Rico Kummer. Er spielt die Klarinette mit viel Freude. «Wir alle spielen mit Leib und Seele. Wenn es nicht so wäre, würde es nicht funktionieren», ist er überzeugt.

Der Umzug der Stadtmusik Zürich beginnt morgen um 10.20 Uhr.

1.-August-Weggen mit Schweizer Kreuz und Fähnchen

Der 1.-August-Weggen mit dem Schweizerkreuz auf der Oberfläche gehört zum Nationalfeiertag wie der Cervelat auf den Grill. Auch Andy Gnädinger von der Zürcher Traditionsbäckerei Gnädinger am Schaffhauserplatz hat die Weggen aus feinem Zopfteig im Angebot. Den grossen Umsatz machen sie damit jedoch nicht. «Der 1.-August liegt mitten in den Sommerschul­ferien. Für uns als Stadtbäckerei bedeutet das tendenziell eine ruhigere Zeit.

Zudem kommt der 1.-August-Weggen niemals an den Erfolg eines Drei­königkuchens heran», sagt Andy Gnädinger. Ende der 60er-Jahre hat der Bäckermeisterverband die 1.-August-Weggen erfunden. Heute gehören sie zum 1.-August-Brunch einfach dazu. Nachts werden in der Bäckerei Gnädinger 20 verschiedene Brote gebacken, ­darunter 1.-August-Weggen sowie Patisserie. Die Schwedentorte kommt zu Ehren des Nationalfeiertags Rot-Weiss statt Grün daher, Cremeschnitten und Himbeertörtchen werden mit Schweizer Fahnen dekoriert. 

 

Die DNA der Schweiz als Erfolgsmodell

«Für mich ist sie der Nährboden, der uns verbindet und gedeihen lässt», antwortet Christoph Sigrist (Bild) auf die Frage, was ihm das Wort Heimat bedeutet. Der Gross­münster-Pfarrer ist Festredner der diesjährigen Zürcher Bundesfeier. Eingeladen wurde er wegen des 500-Jahr-Jubiläums der Reformation. Ein Zeitalter, in dem sich die Welt neu erfand und für einen fundamentalen Wertewandel sorgte. «Die inspirierenden Schwingungen von damals sind noch heute in unserer Stadt spürbar, was auch Teil meiner Rede sein soll.»

Gleichzeitig will Christoph Sigrist aber auch daran erinnern, «wie dankbar wir für das Glück und die Chancen, die uns die Schweiz ­bietet, sein sollten». Eine solch ­dynamische Heimat zu haben, sei nicht selbstverständlich. Sie könne einem von einem Tag auf den anderen unter den Füssen wegge­zogen werden, wie es täglich auf der Welt geschehe und zu den grossen Flüchtlingsbewegungen führe. «Für mich ist es daher wichtig, am Nationalfeiertag auch unsere humanitäre Tradition hochzuhalten. Dazu gehört das Ineinanderfliessen von fremden und heimischen Kulturen zur Heimat, die unverfügbar ist.»
Beunruhigt beobachte Sigrist die Trennung zwischen Einheimisch und Fremd. Das Zusammenwachsen unterschiedlichster Kulturen gehöre zur DNA der Schweiz. «Das Boot ist niemals voll, wenn es darum geht, Menschen unterschiedlichster Herkunft zu beheimaten oder Menschen in Not zu unterstützen.» Den Nationalfeiertag sollte man auch dazu nutzen, sich vor Augen zu führen, was «Fremde» für unseren heutigen Wohlstand geleistet haben, «zum Beispiel Reformierte aus Frankreich vor 450 Jahren oder die Arbeiterinnen und Arbeiter aus Italien in den 60er-Jahren». 

Natürlich sei in der Schweiz bei weitem nicht alles perfekt. Über die Herausforderungen in den Brennpunkten Klima und Armut, Gesundheit und Wohlergehen, Existenz und Arbeit, Integration und Inklusion müsse unbedingt diskutiert werden. «Wichtig ist, um Inhalte und Wahrheiten zu streiten, aber auch, sich immer wieder zu versöhnen. Nur gemeinsam können wir das Erfolgsmodell der Schweiz weiterentwickeln.»

 

Ein Teil der Schweizer Gesellschaft werden

«Heimat», sagt Oumou Kaltoum Fall, «ist nicht nur das Land, wo wir geboren wurden, aufgewachsen sind, sondern auch das Aufnahmeland, in dem wir aktuell ein neues Leben starten und uns für neue Ziele einsetzen müssen. Aus meiner Sicht ist die Schweiz deshalb zu meinem Heimatland geworden.» Oumou Kaltoum Fall, die in Zürich als Interkulturelle Dolmetscherin und Kursleiterin arbeitet, kam 2012 aus Senegal in die Schweiz und gründete hier auch eine Familie.

Ihre erste Erfahrung mit ihrer neuen Wahlheimat habe sie damals auf den Boden der Realität zurückgeholt. «Ich brachte meine Schulzeugnisse, Zertifikate und  Arbeitszeugnisse mit. Ich dachte, es wird alles reibungslos funktionieren. Es wurde schnell klar, dass ich für eine Zukunft hier zuerst wieder die Schule besuchen und Deutsch lernen musste. Das nahm mir den Boden unter den Füssen weg. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich trotz meiner Zeugnisse und Qualifikationen wieder bei null anfangen musste. Glücklicherweise erhielt ich Unterstützung durch meinen Freundeskreis. Ich wusste, dass ich mich immer weiterbilden musste, und das habe ich auch getan.» Die Möglichkeiten für Aus- und Weiterbildung, aber auch das Gesundheits- und Schulwesen und die direkte Demokratie, das seien die grossen Qualitäten der Schweiz. «Dazu kommen die Umsetzung der Gesetze und die vielen Bestrebungen für die Integration von Menschen aus anderen Kulturen. Auch die Pünktlichkeit und die Arbeitsmoral der meisten Menschen hier schätze ich sehr.» Eine grosse Herausforderung sei die Integration von Erwachsenen. «Es sollte ein Muss sein, die Alltagssprache zu beherrschen, da das auch die Integration und das schulische Weiterkommen der Kinder fördern könnte», so Oumou Kaltoum Fall, die sich heute im Ausländerbeirat der Stadt Zürich engagiert und sich als Brückenbauerin zwischen Behörden und ausländischen Bürgern sieht. «Es ist eine gute Möglichkeit, Menschen im Integrationsprozess zu begleiten und zu fördern», sagt sie. Den 1. August werde sie selbstverständlich feiern, «zusammen mit Kolleginnen und Kollegen in der Bäckeranlage im Kreis 4».

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