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Gut zu wissen

Piraten bei der Pionierarbeit: Röbi Koller sitzt im Plattenarchiv von Radio 24 im Studio in Cernobbio. Bild: kleinerfunk.ch

Als ein Berg die jungen Zürcher rief

Von: Jan Strobel

01. Oktober 2019

Als vor 40 Jahren Roger Schawinski mit Radio 24 illegal von Italien aus auf Sendung ging, läutete das in der Schweizer Medienlandschaft einen Umbruch ein. Radio wurde wieder ein Renner, und scheinbar in Stein gemeisselte Monopole wurden angegriffen. Radio 24 zu hören, war ein Lebensgefühl.

Die Geschichte, die im November 1979 ihren Anfang nahm, beinhaltet alles, was ein Drama ausmacht. Sie erzählt von einem idealistischen Traum, von einem Abenteuer und einem Befreiungsschlag, von einer Jugend, die nach Neuem dürstete, und einem helvetischen Robinson Crusoe, andererseits aber auch von Eitelkeiten, wie sie besonders in der Medienbranche anzutreffen sind. Sie erzählt von Egotrips, Gehässigkeiten, Machtkämpfen und Gärtchendenken.

Als Radio 24 vom Pizzo Groppera in der Lombardei aus auf Sendung ging, sandte das gleichsam feine Schockwellen hinüber in die leicht verschlafene und gesättigte Schweiz und insbesondere nach Zürich. Roger Schawinski, eben jener Robinson Crusoe und Rebell,  hatte mit seinem Piratensender einen Coup gelandet und rieb sich  im Einfamilienhaus in Cernobbio bei Como, das als erstes Studio diente, die Hände vor Freude. Er hatte der PTT, der staatlichen Behörde für Post-, Telefon- und Telegrafenbetriebe, ein raffiniertes Schnippchen geschlagen und der «Monopolbude SRG» die Stirn geboten.

Besonders bei der Zürcher Jugend avancierten Schawinski und seine Truppe zu Helden der Stunde, die Schluss machten mit Langeweile und Bedächtigkeit in der Radioszene. Ganze Wohnsiedlungen zwangen die Hauswarte, Radio 24 in das Antennenkabel einfliessen zu lassen.

Die Kritiker traten zum Sendestart schnell auf den Plan. Die journalistische Leistung des Piratenradios, konstatierte etwa Hans Jürg «Fibo» Deutsch, der damalige Chefredaktor der «Schweizer Illustrierten», sei «gleich null». Informationen, insbesondere über Zürich, fänden kaum statt. «Die ersten Tage haben bewiesen», so Hans Jürg Deutsch, «dass Christian Heeb ein ausgezeichneter Musikredaktor ist und Schawinski ein ebenso schlechter Nachrichtenmann.» Christian Heeb sollte später mit Radio Basilisk seinen eigenen Sender gründen.

Die Schweizer Behörden jedenfalls schäumten. Sie versuchten, die italienischen Instanzen zu einer Schliessung des aus Schweizer Sicht illegalen Treibens auf dem Pizzo Groppera zu bewegen. Das Vorgehen löste bei der Radio-24-Hörerschaft eine regelrechte Protestwelle aus. 212 000 Unterschriften kamen für eine Petition gegen die Schliessung zusammen, die Roger Schawinski schliesslich im Dezember 1979 im Bundeshaus übergab.

Goldgräberstimmung
Die Signale des Unmuts freilich wurden dort zwar empfangen, aber nicht so, wie sich das die Radiopioniere vorgestellt hatten. Im Januar 1980 legten die italienischen Behörden den Sender tatsächlich still. Auf der Zürcher Stadthausanlage kam es daraufhin zu einer Protestdemo, die heute legendär ist. 3000 Personen nahmen daran teil. Im März machten die Italiener den Schliessungsentscheid rückgängig. Radio 24 durfte wieder senden. Es sollte allerdings nicht die letzte Schliessung bleiben.

Im Piraten-Drama kam es in den Folgejahren noch zu zwei weiteren Stilllegungen. Aber Schawinski liess sich einfach nicht in die Knie zwingen geschweige denn totsagen. Angespornt von seinem Kampf, traten jetzt auch andere Radio-Pioniere auf, die sich auf dem legalen Weg bemühten, eine Radiokonzession zu erhalten. 1982 lief immerhin die Kabelrundfunk-Verordnung aus, im Radiogeschäft herrschte Goldgräberstimmung. Und auch die grossen Medienhäuser wollten kräftig mitmischen. So schlugen etwa die Jean Frey AG, Ringier, «Tages-Anzeiger» und NZZ ein Zürcher «Radio Uetli» vor. Mit dabei beim Aufbruch war die Gruppe «Alternatives Lokal-Radio Zürich» (ALR), aus der schliesslich Radio Lora entstand, das 1983 die Sendekonzession erhielt.

Im selben Jahr war es auch für Schawinskis Radio 24 so weit. Der Piratensender wurde legal. Am 30. September 1983 sendete Radio 24 zum letzten Mal vom Pizzo Groppera. Am 1. November begann der Betrieb in Zürich. Die Anlage auf dem Pizzo Groppera übernahm ausgerechnet ein Radio-DRS-Mann, Verleger Jürg Marquard. Für Schawinski war das «ein gezielter Rückenschuss der PTT». 

Solche «Rückenschüsse» spornten den Medienzauberer nur noch mehr an. Sein Radio 24 wurde zum Branchenleader im Schweizer Privatradiomarkt. Prominente Köpfe wie Röbi Koller, Frank Baumann, Markus Gilli oder Patricia Boser starteten hier ihre Medienkarriere.

Seit 2016 allerdings ist nicht mehr Radio 24 die Nummer 1 in der Region Zürich, sondern Radio Energy.

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