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Gut zu wissen

Backwerk mit Seltenheitswert: Äpfel im Schlafrock. Bild: Betty Bossi

Pyramide der Versuchung

Von: Sacha Beuth

14. Januar 2020

In der Serie «Nostalgische Fundstücke» stellt das «Tagblatt» Objekte, Unternehmen oder Berufe vor, die früher eine markante Rolle im Leben der Stadt und ihrer Bürger spielten, nun aber zum Leidwesen vieler verschwunden sind. Heute erinnert sich «Tagblatt»-Leser Stefan Bühler (48) an Äpfel im Schlafrock.

«Ich bin zwar im Zürcher Oberland aufgewachsen, doch als Kind und Jugendlicher war die Stadt Zürich für mich der Anziehungspunkt. Vor allem die vielen Konditoreien mit ihren Süssgebäcken hatten es mir angetan. Ganz oben auf der Beliebtheitsskala rangierte dabei der Apfel im Schlafrock. Dieses herrliche Blätterteiggebäck, welches einen entkernten, noch leicht bissfesten ganzen Apfel sowie eine wunderbar süsse Mandelmasse mit Weinbeeren umhüllte. Auf der Spitze dieser ‹Pyramide der Versuchung› ruhte ein Teigdeckel mit meist kronenartigem Rand. Hinzukam ein glänzender Zuckerguss, was die Äpfel im Schlafrock erst recht unwiderstehlich machte. Zum Essen waren sie zwar etwas unhandlich, doch der Genuss entschädigte für die klebrigen Finger und die vielen Brösmeli.

Vor etwa 10, 15 Jahren scheinen Äpfel im Schlafrock aus der Mode geraten zu sein. Jedenfalls konnte ich sie in den letzten Jahren trotz intensiver Suche in Zürich gerade noch in einer Bäckerei, beim Gnädinger am Schaffhauserplatz, finden. Warum werden sie nicht mehr produziert?»

Das «Tagblatt» ist dieser Frage nachgegangen und hat bei einem Dutzend grösserer Bäckereien, Konditoreien und Confiserien in Zürich erkundigt. Tatsächlich ist es so, dass Äpfel im Schlafrock in Zürich nahezu ausgestorben sind. Von den befragten Betrieben bieten neben der erwähnten Bäckerei Gnädinger nur noch die Bäckerei Hausammann und die Confiserie Bauer diese Spezialität an. Und dies auch nur gelegentlich beziehungsweise saisonal. «Einen Apfel im Schlafrock zu kreieren, ist echte Handarbeit. Das kann keine Backmaschine. Viele Bäckereien scheuen heute den Aufwand», erklärt stellvertretend Reto Hausammann, Geschäftsführer und Inhaber der Bäckerei Hausammann.

Das «Tagblatt» bedankt sich bei Stefan Bühler für seinen Beitrag mit einem original «Tagblatt»-Kugelschreiber von Caran d’Ache und hofft auf weitere Vorschläge für diese Serie (bitte E-Mail senden an: gewinn@tagblattzuerich.ch, Stichwort: Nostalgie).

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