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Interview

«Mundartausdrücke nehmen einen mit auf eine Entdeckungsreise zu unseren Wurzeln.» Urs Peter, Autor von «Gaggalaariplatz – Mundart für Aafènger und Fortgschrittni» (Arisverlag). Bild: Sacha Beuth

Der Zürcher Arzt, der die Mundart retten will

Von: Sacha Beuth

10. Dezember 2019

Ob «Schlampe» statt «Gure», «stosse» statt «schüürge» oder «Eichelhäher» statt «Heerehètzler» – immer mehr Mundartausdrücke werden im Alltag eingedeutscht. Dem will der Zürcher Arzt und Ethnologe Urs Peter (59) entgegenwirken und hat darum wenig bekannte schweizerdeutsche Ausdrücke ­gesammelt und im eben erschienenen Buch «Gaggalaariplatz» publiziert.

Ihr Buchtitel lautet «Gaggalaariplatz». Obwohl ich Mundart spreche, habe ich dieses Wort noch nie gehört. Was bedeutet es?

Urs Peter: Gaggalaari ist ein Synonym für Idiot. Ersteres ist aber im Gegensatz zu Letzterem mehr spöttisch als verächtlich gemeint und wird in der Regel für jüngere Menschen benutzt. Als «Gaggalaariplatz» bezeichnete man früher den Ort, an dem sich die Jugendlichen nach der Schule getroffen haben.

Das Buch entstand aus einer Mundart-Rettungsaktion. Wie lief diese ab? Und warum muss diese überhaupt gerettet werden?

Schon seit längerer Zeit beobachte ich, wie Mundartausdrücke aus unserem Alltag durch hochdeutsche Begriffe verdrängt werden. Der «Gaggalaariplatz» ist ein «Nebenprodukt» eines grösseren Projekts über Embrach. Um noch zu retten, was vom alten Dorf zu retten ist, wurde 2017 der Historische Verein Embrachertal gegründet, der sich letztes Jahr am Oberdorffest in Embrach mit dem «Gaggalaariplatz» vorgestellt hat. Die Festbesucher konnten an unserem Stand alle Mundartwörter abgeben, die vom Aussterben bedroht sind. Die Liste ist sehr schnell sehr lang geworden! Das Verblüffendste war aber die Begeisterung, mit der die Leute mitgemacht haben. So ist die Idee aufgekommen, mit einer Auswahl aus der Liste ein Buch zu machen.

Genau genommen gibt es aber gar keine allgemein gültige Mundart, zumindest nicht in geschriebener Form. Vielmehr handelt es sich um regionale Dialekte, bei denen gewisse Begriffe teilweise deutlich anders ausgesprochen werden. Wie kann man sich da festlegen, und wer bestimmt, was gilt?

Regeln festzulegen, ist gar nicht nötig. Es geht darum, die Vielfalt zu erhalten, den Reichtum der Mundart und die Kreativität, die darin steckt, zu erkennen.

Die Sprache unterliegt seit je einem stetigen Wandel. Warum eingreifen und nicht dem Gang seinen Lauf lassen? Nach dem Motto: Was sich bewährt, setzt sich durch, was nicht, verschwindet.

Der Punkt ist, dass man nicht einfach nur dem Wandel seinen Lauf lässt, sondern dass die Mundart gar nicht als eigene Sprache ­anerkannt wird. So ist im Kanton Zürich durch Beschluss des Regierungsrates der Gebrauch der Mundart an den Schulen verboten. Haben Sie das gewusst? Bei uns hängt am Eingang der Primarschule ein Schild: «Hier wird Hochdeutsch gesprochen!» Und zwar immer, in der Turnstunde, in der Pause, beim Schulausflug, immer. Wir sollten nicht vergessen, dass Hochdeutsch eigentlich unsere erste Fremdsprache ist. Und wir sollten unsere eigene Sprache, die Mundart, wieder mehr schätzen und stolz auf sie sein.

Wie konsequent sind Sie selbst mit Mundart im Alltag. Vermeiden Sie immer hochdeutsche und fremdsprachige Begriffe?

Nein. Die ganze Computersprache besteht aus englischen Fachwörtern. Wenn neue Sachen mit neuen Wörtern in die Sprache aufgenommen werden, ist das eine Bereicherung. Ganz anders ist es, wenn Wörter einfach verdrängt werden. Wenn in der Mundart der Sommervogel zum Schmetterling wird, tönt das schauderhaft und ist ein grosser Verlust für die Sprache. Die mitteldeutsche Mundart, die wir als Hochdeutsch bezeichnen, ist sehr übergriffig geworden.

Welches ist Ihr liebster Mundartausdruck und warum?

«S Giriginggeli» finde ich toll, die Bezeichnung für einen Ohr­anhänger oder allgemein etwas, das herunterhängt. Oder auch «Schlampamp» für eine liederliche Person. Oder «Füdlitrucke» für ein Vorläufermodell des Davoser Schlittens. Sie lösen in mir Assoziationen aus. Und sie nehmen einen mit auf eine Entdeckungsreise zu unseren Wurzeln.

Bücher zu gewinnen

«Gaggalaariplatz – Mundart für Aafènger und Fortgschrittni» von Urs Peter ist im Buchhandel sowie im Arisverlag, www.arisverlag.ch erhältlich. Das «Tagblatt der Stadt Zürich» verlost 5 Exemplare. Schreiben Sie uns eine E-Mail mit Namen, Adresse, Telefon, E-Mail-Adresse und Betreff Mundart an: gewinn@tagblattzuerich.ch

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