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Interview

«Ein Löffelchen für Papi»: Väter beteiligen sich stärker an den elterlichen Betreuungsaufgaben als früher. Bild: iStock

«Ein guter Vater ist fassbar»

Von: Sacha Beuth

28. November 2017

In ihrem neuen Buch «#Vatersein» hat die Journalistin und dreifache Mutter Barbara Weber-Ruppli elf Väter unterschiedlichen Alters porträtiert und zu ihrer Rolle in der Familie befragt. Heute Abend erzählt die 62-Jährige in einer öffentlichen Diskussion mit Fachpersonen, wie schwierig es für viele Papis war und ist, ihren Platz zu finden.

Was hat Sie dazu bewogen, als Frau ein Buch über die Sorgen und Probleme von Vätern zu schreiben?

Barbara Weber-Ruppli: Unter anderem meine eigene Geschichte. Zwar schmiss anfangs mein Mann während seines Jurastudiums den Haushalt, und ich arbeitete als Journalistin, doch als die Kinder kamen, ging er in seinem Beruf auf, während ich mich für 16 Jahre aus meinem verabschiedete und mich um die Kinder kümmerte. Und wie ein Blick in mein Umfeld zeigte, ging es vielen Frauen ähnlich. Das frustrierte mich, machte mich aber auch neugierig. Ich wollte wissen, warum sich Männer nicht stärker am Familienleben beteiligen wollen oder können und was sie dabei fühlen und welche Auswirkungen ihr Verhalten hat. Mit Resultaten, die mein Verständnis für Väter förderten.

Inwiefern?

Ich dachte anfangs: Die Männer wollen sich gar nicht stärker an der Kinderbetreuung beteiligen, die gehen lieber arbeiten. In den Gesprächen hat sich aber gezeigt, dass die Ursache dafür vielfach an finanziellen, gesellschaftlichen und politischen Umständen oder einer Kombination aus diesen liegt. Oftmals können beide Partner nicht passend ihr jeweiliges Pensum reduzieren, oder es lohnt sich schlicht nicht, weil dann mehr Geld für familienexterne Betreuung ausgegeben werden muss.

Und dann geht eben der Vater Vollzeit arbeiten, weil er in den meisten Fällen mehr verdient.

Das ändert sich jetzt langsam, hoffe ich, obwohl die gesellschaftlichen Vorstellungen auch heute noch – und auch bei vermeintlich progressiven Eltern – oft so sind, dass der Mann den Hauptteil des Familieneinkommens beizusteuern hat. Handkehrum herrscht zugleich das tief verwurzelte Gefühl vor, dass Mütter der wichtigere Elternteil für Kinder sind. Richtig ist aber, dass Kinder beide Elternteile brauchen.

So hat sich das traditionelle Rollenbild eines Vaters im Laufe der letzten ein, zwei Generationen gar nicht so sehr verändert?

Jein. Es findet durchaus ein Wandel statt, wenn auch im Schneckentempo. Gerade die jüngere Generation unter den Vätern engagiert sich dafür – auch weil ihre Partnerinnen besser gebildet sind, mehr verdienen und darum weniger bereit sind, ihren Job einfach aufzugeben, als die Mütter früherer Generationen. Allerdings fehlt mir bei diesen jungen Männern noch der Beweis, dass sie ihre Beteiligung durchziehen und nicht wieder in ihrem Beruf verschwinden, sobald die Kinder dem Babyalter entwachsen sind.

Wie wichtig sind Vorbilder in diesem Zusammenhang?

Sie sind eine wichtige, wenn nicht die wichtigste Basis für eine erfolgreiche Betreuungsaufteilung. Wenn Knaben schon einen Vater hatten, der sie mitbetreute, dann ist es für sie später «normal», ebenfalls Hand anzulegen.

Welchen Einfluss hat das veränderte Rollenbild des Vaters?

Die Veränderungen sind insgesamt positiv für alle Beteiligten. Einerseits in der Familie selbst: Die Mutter kommt wieder mit der «Aussenwelt» in Kontakt, die Väter lernen, die täglichen Herausforderungen bei der Kinderbetreuung zu meistern, und die Kinder selbst profitieren von den Stärken und Vorzügen beider Elternteile. Andererseits auch auf der gesellschaftlichen Ebene: Väter, die sich stark bei der Betreuung engagieren, geniessen gerade in Städten viel Ansehen, und deren Partnerinnen werden von anderen Frauen beneidet.

Was unterscheidet in Sachen Betreuung und Erziehung Mütter generell von Vätern?

Wenn man den Aussagen der Familiensoziologen glaubt, dann fördern Väter bei Kindern eher Eigenschaften wie Neugier, Durchhaltewillen und den Umgang mit gefährlichen Situationen, während Mütter aufzeigen, wie man mit Emotionen umgeht. Nach meiner Ansicht gibt es in diesem Punkt aber keine allgemeinen geschlechterspezifischen Unterschiede. Wichtig ist, dass die Betreuung nach den jeweiligen Neigungen der Eltern erfolgt.

Plagen Väter noch die gleichen Sorgen und Ängste wie früher, oder gibt es auch hier Veränderungen?

Wie schon erwähnt fühlen sich Väter nach wie vor in erster Linie für den Familienunterhalt verantwortlich und haben dementsprechende Ängste, die Erwartungen nicht erfüllen zu können. Bei meinen Gesprächen mit ihnen erkannte ich aber auch, dass Väter sich genauso wie Mütter um das Wohlergehen ihrer Kinder sorgen. Nur zeigen sie dies nach aussen meist nicht. Einer «meiner» Väter nannte Kinder, die Achillesferse ihrer Eltern.

Was hat Sie bei Ihren Gesprächen mit den Vätern am meisten beeindruckt?

Wie stark sie reagierten, als sie mir von ihren eigenen Vätern erzählten, vor allem wenn Letztere ihnen nicht gerecht wurden. Vorenthaltene väterliche Fürsorge, Zuneigung und Anerkennung brachte einige der Porträtierten sogar zum Weinen. Solche Männer haben später oft Mühe die eigene Vaterrolle zu finden, oder Angst davor, schlechte Väter zu werden.

Nun denn, was also macht einen guten Papi aus?

Ein guter Papi ist fassbar. Das be­deutet: Er lässt sich emotional auf sein Kind ein, ist bereit, eine Beziehung zu ihm aufzubauen und diese aufrechtzuerhalten. Er vermittelt Nähe, übernimmt Verantwortung, und man kann sich auf ihn ver­lassen.

Buchtaufe und Talk

Barbara Weber-Ruppli absolvierte erst eine Ausbildung zur Grafikerin an der Kunstgewerbeschule Zürich, ehe sie zum Journalismus fand und sich als Buchautorin einen Namen machte. Die Taufe ihres neusten Werks «#Vatersein» (arisverlag.ch) findet heute Mittwoch, 29. 11. 2017, im Sphères, Hardturmstr. 66, 8005 Zürich, statt. Im Anschluss erfolgt ein Talk zum Thema mit der Autorin, Nicolas Zaugg von Männer.ch und Väterforscherin Diana Baumgarten.

www.vatersein.net.

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Leserkommentare

Rainer Schellenberg - Gott hat die Welt auch nicht an einem Tag erschaffen! Auch die gesellschaftliche Rolleneinnahme benötigt ihre Zeit. Wir aus der Generation Baby-Boomer leiten dies ein und die Generationen Y, X und Z werden diese neue Rolleneinnahmen weiterentwickeln und leben.
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Vor 1 Jahr 11 Monaten  · 
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Tanja Künzler - Sehr charmantes Interview! Ich wünsche ganz viele Zuhörer und Leser!!! Denn leider geht diese Entwicklung wirklich im Schneckentempo voran, es wird wohl noch mindestens ein bis zwei Generationen benötigen.

Vor 1 Jahr 11 Monaten  · 
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Alexa de Ruiter - Toller Artikel ! Zahlreiche Studien belegen, dass einem Kind nichts Besseres passieren kann als ein Vater , der Verantwortung übernimmt und nicht bloß Aufgaben. Das wünschen sich auch immer mehr Väter: nicht nur anwesend, sondern unverzichtbar sein. Zum
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Vor 1 Jahr 11 Monaten  · 
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