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Interview

«Gegenüber soll sich wohl fühlen»

Von: Tanja Selmer

04. März 2014

Ein «Tschüss» ist nicht gleich ein «Tschüss». Wie Schweizer und Deutsche unterschiedlich grüssen, erklärt Dr. Juliane Schröter, Linguistin an der Uni Zürich.

Tagblatt der Stadt Zürich: Grüezi, guten Tag oder hallo Frau Schröter, was passt zur Begrüssung besser? Wir sind ja zwei Deutsche in der Schweiz.

Juliane Schröter: Ich würde in jedem Fall «Grüezi» sagen, da ich schon lange hier lebe und «Grüezi» deshalb für mich normal ist. Grüssen ist in der Regel ein routinisiertes Verhalten, meist denkt man nicht bewusst darüber nach, welchen Gruss man wählt.

Die Routinen sind in der Schweiz und in Deutschland aber verschieden.

Ja. Doch die Grüsse, die nur oder vor allem in einem Land gebraucht werden, etwa «Grüezi» oder «Adieu» auf (Deutsch-)Schweizer Seite oder «Moin» oder «Mach’s gut» auf deutscher Seite sind eher unproblematisch. Missverständnisse können vor allem entstehen, wenn ein Gruss zwar in der Schweiz und in Deutschland genutzt wird, die Verwendungsweise aber unterschiedlich ist, wie zum Beispiel bei «Hallo» und bei «Tschüss».

So wie Deutsche ihn verwenden, ist «Tschüss» wohl der Gruss, der in der Schweiz besonders merkwürdig klingt.

Hier wird er normalerweise nur gegenüber vertrauteren Gesprächspartnern verwendet, wenn man sich duzt. «Tschüss» kommt aus dem Norddeutschen und war ursprünglich auch dort ein Gruss unter Familienmitgliedern und engen Freunden, allenfalls guten Bekannten. In Nord- und Mitteldeutschland hat sich der Gebrauch stark erweitert. Heute hört man «Tschüss» zum Beispiel als Gruss in Geschäften, auch wenn sich die Leute vorher noch nie gesehen haben und vielleicht auch nie wieder sehen. Wenn also jemand aus Deutschland in der Schweiz jemanden kaum Bekanntes mit «Tschüss» grüsst, kann die gegrüsste Person den Eindruck haben, die grüssende würde sie als vertraut ansehen und die Situation als informell einstufen. Sie wird darauf möglicherweise negativ reagieren, wenn sie diese Einschätzung nicht richtig findet.

Kleine Ursache, grosse Wirkung also?

Es sind subtile Regeln und feine Unterschiede, die aber grosse Irritationen auslösen können. Wenn man findet, dass jemand einen «komisch grüsst», kann man aber normalerweise davon ausgehen, dass keine böse Absicht dahinter steckt. Egal ob Schweizer oder Deutsche – die meisten Menschen wollen, dass sich das Gegenüber wohl fühlt, oder zumindest keinen negativen Eindruck machen.

Irritationen gibt es auch am Telefon.

Bei geschäftlichen Telefonaten in der Schweiz meldet sich der Anrufer nach dem Angerufenen häufig mit Gruss und Namen und lässt dann eine Pause für den Gegengruss des Angerufenen. Erst danach kommt das Anliegen. In Deutschland lassen viele Anrufer die Pause weg und reden direkt weiter. Wenn ein Gesprächspartner dem ersten Muster folgt, der andere aber dem zweiten, kann es Koordinationsschwierigkeiten geben. Dann entsteht entweder eine merkwürdige Pause, oder es kommt der Gegengruss, während der andere weiterspricht. Das kann als unhöflich empfunden werden.

Auch in Mails sind Deutsche oft schneller bei der Sache, ohne einleitende Sätze zum Beispiel.

Wenn jemand relativ zügig «zur Sache kommt», muss das nicht bedeuten: «Du bist es mir nicht wert, noch etwas mehr Zeit aufzuwenden». Es kann auch heissen: «Ich bin nicht wichtig genug, noch mehr deiner Zeit in Anspruch zu nehmen.» Mehr kommunikativer Aufwand oder weniger – beides kann höflich gemeint sein. Es sind eben unterschiedliche Traditionen.

Bei allen Unterschieden: Gibt es auch Gemeinsamkeiten?

Ja, sehr viele sogar. Die grossen historischen Entwicklungslinien zum Beispiel sind in beiden Ländern ähnlich. Der allgemeine Trend geht weg von Grüssen, die Statusdifferenz und Respekt signalisieren, und hin zu Grüssen, die Vertrautheit und Sympathie ausdrücken. Das gilt auch für Formeln in Briefschlüssen – von «Hochachtungsvoll» zu «Mit freundlichen Grüssen» etwa.

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