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Interview

Christian Messikommer und Marianne Weissberg, die neuen "Tagblatt"-Kolumnisten, erklären, wieso sie ziemlich meschugge sind.

"Ich bin die koschere Rampensau von Zwingli-City"

Von: Clarissa Rohrbach

19. März 2013

Christian Messikommer und Marianne Weissberg schreiben neu abwechslungsweise für die letzte Seite des «Tagblatts». Im Interview erzählen sie, was frech sein bedeutet und wieso ihr Kopf brummt.

Tagblatt der Stadt Zürich: Christian Messikommer, Ihre Kolumne heisst «Messis Welt». Wie genau sieht Ihre Welt denn aus?

Christian Messikommer: Das Zentrum meines Universums ist Zürich. Ich finde hier alles interessant, von den kleinsten Sprayereien bis zum Vogelgesang am Morgen. Die Themen springen mich regelrecht an, selten kann ich mich nur auf eine Sache konzentrieren. Wäre ich ein Kind, würde man mich wohl mit ADHS diagnostizieren. Auch auf der Redaktion des «Tages-­Anzeigers» sind meine Ohren immer überall.

Sie sind ja Redaktor. Fällt es Ihnen deswegen leichter, die Kolumne zu schreiben?

Messikommer: Es ist sicher nicht hinderlich. Aber als Redaktor schreibe ich anders, sachlich. Bei der Kolumne kann ich richtig «säuele» und meine Emotionen ­hineinbringen, das mag ich. Schon beim Radio habe ich sehr gerne mit der Sprache jongliert. Das kann aber jeder, der gerne schreibt, egal welchen Beruf er hat.

Ihre erste Kolumne über den Papst hat für eine heftige Reaktion gesorgt. Ein Leser meinte, sie sei beleidigend. Wie stehen Sie dazu?

Messikommer: Meine Kolumne war nicht beleidigend. Ich habe darin den abgetretenen Papst gewürdigt und ihm sinnvolle Ratschläge für seine Pensionierung mitgegeben. Wie zum Beispiel Golf spielen.

Das ist aber schon ziemlich zynisch.

Messikommer: Das ist kein Zynismus, höchstens Ironie. Ausserdem ist sich der Mann absurde Kleidung gewohnt. Kennt Humor keine Grenzen? Messikommer: Humor darf keine Grenzen haben. Natürlich kommt es immer darauf an, wer was sagt. Ein Schwarzer darf Negerwitze machen, ein Weisser nicht.

Haben Sie ein Lebensziel?

Messikommer: Ich habe die Welt gesehen und die Menschen kennen gelernt. Wenn ich morgen sterben würde, hätte ich nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Doch meine Kinder will ich schon noch gross werden sehen.

Wie ist das, Vater zu sein?

Messikommer: Kinder kommen ohne Gebrauchsanweisung, wussten Sie das? Plötzlich hat man so ein Ding im Arm, klein und übersichtlich im Design, und weiss: Ich bin jetzt dafür verantwortlich. Aber ich hatte da keine Berührungsängste. Es gab sogar ein paar Jahre, in denen meine Frau arbeitete und ich die Windeln wechselte.

Sind Sie sportlich?

Messikommer: Ich liebe den FCZ und den ZSC. Ansonsten glaube ich, dass Schweiss eine Abwehrreaktion des Körpers ist. Wenn sie eintritt, sollte man sofort aufhören, sich zu bewegen.

Was können die Leser von Ihrer ­Kolumne erwarten?

Messikommer: Wenn ich das nur wüsste. Jeden Tag fällt mir etwas anderes ein. Die Kolumnen sollen auf jeden Fall wie ein guter Snack sein. Lecker für zwischendurch, und dann denkt man nicht mehr dran.

 

Tagblatt der Stadt Zürich: Marianne Weissberg, Ihre Kolumne heisst «Weissbergs Weissheit». Sind Sie weise?

Marianne Weissberg: Nebbich, ich bin gern meschugge: einerseits vollkommen normal, andererseits exzentrische Diva. Eigentlich sehe ich mich wie die vollreife Carrie Bradshaw von Zürich mit einem Schuss Woody Allen. Chic interessiert mich genauso wie Kloputzen. Und wie sie stolpere ich immer vor dem grossen Erfolg.

Wieso denn das?

Weissberg: Weil ich absolut taktlos bin. Ich arbeite bewusst unkommerziell, ich kann und will mich nicht verkaufen. Entweder man liebt oder hasst mich. Diese Kompromisslosigkeit hat mir aber auch viele Türen geöffnet.

Gehen Sie deshalb zur Therapeutin?

Weissberg: Therapie ist Coaching durchs Leben. Ich denke viel über mich selber nach, und einige Dinge möchte ich in den Griff bekommen. Zum Beispiel verschicke ich zu impulsive E-Mails. Das bereue ich aber nicht – oder doch?

Sie versprechen Unterhaltung mit viel «Chutzpe». Sind diese jiddischen Ausdrücke Ihr Markenzeichen?

Weissberg: Meine Schreibweise war immer schon jüdisch, also klug und provokant. Früher habe ich mich aber zurückgehalten aus Angst, angegriffen zu werden. Heute stehe ich dazu. Ich bin die koschere Rampensau von Zwingli-City!

Wie leben Sie die jüdische Kultur aus?

Weissberg: Der «Jewish Lifestyle» beinhaltet für mich Omas Rezepte, jüdische Literatur und leidenschaftlich leben. Vor allem aber leidenschaftlich lieben. Im Bett sollte man auch laut lachen dürfen. Sex ohne Liebe geht jedoch nicht, das tut uns Menschen weh. Ich plädiere für Herzensbildung!

Sie sind geschieden. Daten Sie viel?

Weissberg: Selten, meine Zeit ist zu kostbar, um sie mit einem «Schmock» zu verschwenden. Ich liebe jedoch Männer mit Esprit.

Sie haben zwei Bücher über den Geschlechterkampf geschrieben. Sehen Sie sich als Feministin?

Weissberg: Oh ja, hundertprozentig.

Auch Kochbücher haben Sie veröffentlicht. Was bedeutet Essen für Sie?

Weissberg: Essen ist wichtig. Es hat mit Bauchgefühl zu tun. Wenn ich jemanden nicht mag, vergeht mir grad die Lust zu kochen. Auch zu Hause redeten wir ständig übers Essen: Davor, während und danach.

Woher stammt Ihre Familie?

Weissberg: Polen oder Russland? Ich fühle mich entwurzelt, daher kommt ein grosser Teil meiner Kreativität. Meine Vorfahren besassen keine Häuser, weil man jeden Moment flüchten musste. Jüdischer Reichtum war ja stets die Bildung. Die kann uns niemand nehmen.

Sie haben einen Hund, Irettli . . .

Weissberg: Ja, sie ist wie ich: sensibel, steht aber gern im Mittelpunkt. Dank ihr rede ich mit vielen Menschen. Ein spontanes Gespräch mit dem Pöstler gibt mir Stoff für die Kolumnen.

Sie tanzen auf viele Hochzeiten. Wie fokussiert sind Sie?

Weissberg: Ich denke viele Sachen an, da schwirrt mir schon ab und zu der Kopf. Wie jetzt zum Beispiel.

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