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Interview

Je schneller, desto besser: Am meisten Chancen auf eine Mietwohnung hätten Interessenten, die ihre Bewerbung so rasch wie möglich schickten, sagt Philippe Frei von der Verwaltung Livit. Im Bild: Wohnungsbesichtigung in

Jede zweite Wohnung geht unter der Hand weg

Von: Stine Wetzel

24. Juli 2018

Die Grossverwaltung Livit vermietet über 10 000 Wohnungen im Stadtgebiet. Bis zu 100 Personen bewerben sich auf eine einzige Wohnung. Vermietungsmanager Philippe Frei erklärt, wie Wohnungssuchende in Zürich am besten vorgehen, um sich durchzusetzen.

Wie viele Bewerbungen bekommen Sie im Schnitt für eine Mietwohnung in Zürich?

Philippe Frei: Das unterscheidet sich je nach Stadtgebiet. Für eine Wohnung in Schwamendingen können es bis zu 10, in der Innenstadt schon mal 100 Bewerbungen sein. Wohnungen an beliebter Lage gehen aber oft unter der Hand weg, das heisst, der Mieter schlägt einen Nachmieter vor, den wir prüfen.

Wie oft kommt das vor?

Nehmen wir das Seefeld: Dort wird mindestens jede zweite Wohnung direkt an einen Nachmieter weitergegeben.

Bleiben wir bei den inserierten Mietwohnungen: Was ist ausschlaggebend dafür, dass Sie sich für einen Bewerber entscheiden?

In erster Linie prüfen wir die Angaben auf dem Anmeldeformular und zur Feststellung der Bonität den Betreibungsauszug. In zweiter Linie achten wir darauf, dass der Bewerber zu den bisherigen Bewohnern des Gebäudes passt. Einerseits gibt es heterogen durchmischte Liegenschaften, andererseits Objekte, in denen beispielsweise insbesondere Familien eingemietet sind.

Wie geht man vor, wenn man 100 Bewerbungen auf dem Tisch hat, von denen die Hälfte die Kriterien erfüllt?

«First come, first serve.» Geschwindigkeit entscheidet. Wenn uns nur eine gute Bewerbung ­vorliegt, reicht uns das.

Stichwort Schnelligkeit: Bekommen Sie Bewerbungen lieber ­digital oder per Post?

Eine interessante Frage. Wir befinden uns gerade in einem Ab­lösungsprozess und führen im Herbst den digitalen Vermietungsprozess ein. Aktuell werden postalische Bewerbungen elektronisch erfasst. Das wird sich mit dem neuen Prozess ablösen, und Interessenten können sich bei uns schneller bewerben.

Anders gefragt: Habe ich denn noch eine reelle Chance, wenn ich heute Abend eine Wohnung anschaue und Sie meine Bewerbung übermorgen per Post bekommen, während das Dossier meiner Mitbewerber schon am selben Abend in Ihrem E-Mail-Fach liegt?

Der Bewerbungsprozess ist für alle Interessenten derselbe. Am meisten Chancen auf eine Vermietung haben jene Interessenten, die uns raschmöglichst das vollständig ausgefüllte Anmel­deformular und die geforderten Dokumente einreichen.

In Zürich kann man das Gefühl bekommen, dass sich manche für eine Adoption statt für eine Wohnung bewerben: Sie schicken Lebensläufe, Referenzbriefe, Fotos von sich, Motivationsschreiben – kann das zu viel sein?

Irgendwann ist es schon zu viel. Wir sehen es gerne, wenn sich jemand um eine Wohnung bemüht. Aber der Bewerber darf sich nicht anbiedern. Das kann schnell ­heikel werden.

Erleben Sie auch Bestechungsversuche?

Ja, bei sehr gefragten Wohnungen hat man uns schon mit Geldbeträgen zu bestechen versucht. Das ist ein No-go und ist hinderlich für die Bewerbung.

Wie sieht die perfekte Bewerbung aus?

Am liebsten sind uns solide Bewerbungen: ein sauber ausgefülltes Anmeldeformular und vollständige Unterlagen, also samt Betreibungsauszug und allenfalls einer Kopie der Aufenthaltsbewilligung, wenn der Mieter aus dem Ausland zuzieht. Weiter setzen wir nichts voraus. Im Kanton Zürich bekommen wir zwischen 200 und 250 Kündigungen pro Monat. Bei den ganzen Neuvermietungen können wir uns nicht noch in unzählige Lebensläufe und Motivationsschreiben einlesen. Wir bewerten objektiv.

Es bringt also nichts, wenn ich Ihnen noch ein paar Zeilen darüber schreibe, was mir an der Wohnung so gut gefällt?

Das ist zwar nett und zeigt Ihr Interesse, ist aber nicht ausschlaggebend.

Haben Sie abschliessend noch einen Tipp für eine gelingende Wohnungssuche?

Bei Wohnungen an beliebter Lage hilft nur, die Augen offen zu halten und die Unterlagen bereitzuhaben, damit man schnell reagieren kann. An Lagen, an denen der Wohnungsbestand in den letzten Jahren gewachsen ist, sieht die Situation anders aus. Ein Neubauprojekt in Altstetten müssen wir beispielsweise bereits vermarkten. Da ist die Verwaltung auf Mieter- und nicht der Mieter auf Wohnungssuche.

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