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Interview

«Zöifter» mit ganzem Herzen: Thomas Gerster (l.), Kaufmann und einer der Vorsteher der Zunft zu Wiedikon, sowie Meteorologe Felix Blumer, Zunftmeister. Foto: Sacha Beuth

«Standesdünkel ist in den Zünften passé»

Von: Sacha Beuth

12. April 2016

SECHSELÄUTEN Die Zünfte der Stadt feiern am Montag mit Umzug und Böögg-Verbrennung ihr Frühjahrsfest. Thomas Gerster (46) und SRF-Meteorologe Felix Blumer (55) von der Zunft zu Wiedikon nutzen im Vorfeld die Gelegenheit, mit Vorurteilen über den Anlass und das Zunftwesen aufzuräumen.

Thomas Gerster, Felix Blumer, wieso sind Sie Zünfter geworden?

Blumer: Bei mir ist das quasi erblich bedingt. Schon mein Urgrossvater war in der Zunft, und ich bin dann peu à peu hineingerutscht und vertrete nun die vierte Generation.
Gerster: Ich bin eher ein Spätzünder. Zwar bin ich durch mein Geschäft in Wiedikon lokal verwurzelt, habe aber erst durch meinen zünftigen Onkel Zugang zum Zunftwesen gefunden. Dieser lud mich vor etwa neun Jahren ein, ihn zu einem Anlass zu begleiten. Dabei habe ich ­gemerkt, dass hier Kameradschaft, Geselligkeit und Traditionen eine grosse Rolle spielen. Das hat mir gefallen.

Unter der Arbeiterschaft gelten die Zünfte als Reichenclubs, das Sechseläuten als Bonzenfasnacht. Wieso sollen Nichtzünfter den Anlass trotzdem besuchen?

Blumer: Das Bild trifft auf die heutige Situation nicht zu. Und ob es jemals zutraf, halte ich für fraglich. Es ist ein Fest für alle. Man lernt Brauchtum aus anderen Kantonen kennen, und beim Kinderumzug können Zürcher Kinder jedwelcher sozialer Schichten mitlaufen. Zudem hat sich mit dem Bräteln auf dem Sechseläutenplatz nach der Böögg-Verbrennung ein neues, aus alternativen Kreisen stammendes Ritual etablieren können – was wir im Übrigen toll finden.
Gerster: Wenn ich den Erzählungen alteingesessener Zünfter glaube, dann herrschte früher schon so etwas wie Standesdünkel. Aber heute ist das passé. Neben Unternehmern sind etwa in unserer Zunft auch viele Angestellte aller Stufen vertreten, und alle ziehen am gleichen Strick.

Was braucht es, um in eine Zunft aufgenommen zu werden?

Blumer: Man muss ein volljähriger Mann sein, der gesellig und traditionsbewusst ist, eine bürgerliche Gesinnung hat und bereit ist, sich für das Zunftwesen zu engagieren und Zeit zu investieren. Ideal ist ein familiärer Bezug zur Zunft und/oder zum jeweiligen Quartier bzw. zur jeweiligen Berufsgattung. Hat einer Interesse, führt der Statthalter der Zunft erst einmal ein Gespräch mit ihm, um dessen Beweggründe kennen zu lernen, und lädt ihn anschliessend zu einem Zunftanlass ein. Der Interessent stellt dann einen Antrag, der vor die Aufnahmekommission gelangt. Erfolgt innerhalb eines Monats keine Einsprache und nimmt der Kandidat an einer bestimmten Zahl Anlässe teil, entscheidet die Vorsteherschaft über seine Aufnahme.

Was dann sicher eine Stange Geld kostet. Die Eintrittsgeschenke in eine Zunft sind berüchtigt.

Blumer: Bei den historischen Zünften können dafür unter Umständen durchaus fünfstellige Beträge verlangt werden. Bei den Quartierzünften hingegen gibt es keine Eintrittsgeschenke. Wir beispielsweise verlangen lediglich einen jährlichen Mitgliederbeitrag von 700 Franken. Hinzu kommen Anlasskosten sowie 1500 bis 2000 Franken für das Sechseläuten-Kostüm.

Im Gegenzug kann der Neue dann eifrig Networking betreiben und neue Kunden gewinnen.

Gerster: Nein. Das Akquirieren innerhalb der Zunft ist verpönt. Aber wenn sich gewisse Dinge ergeben – Mitglied X einen Maler braucht und weiss, dass Mitglied Y einer ist –, dann ist das okay. Das ist übrigens in Sportvereinen auch so.

Wie steht es mit dem Image der Zünfte als reine Männerclubs? Warum weigert man sich nach wie vor, Frauen als vollwertige Mitglieder aufzunehmen?

Gerster: Dies begründet sich durch die Tradition, da die Zünfte seit jeher aus Männergesellschaften bestehen. Und diese Tradition wollen wir aufrechterhalten. Andererseits gibt es einen gewissen Spielraum. So geniesst die Gesellschaft Fraumünster, oft irrtümlich Frauenzunft genannt, für die nächsten Jahre Gastrecht bei der Gesellschaft zur Constaffel und darf innerhalb der Constaffler am Hauptumzug des Sechseläutens mitlaufen.

Sie argumentieren mit der Tradition. Ist es nicht vielmehr so, dass Männer bei den abendlichen Gelagen am Sechseläuten lieber unter sich sind?

Gerster: Die Geschichten von Massenbesäufnissen in den Zunftlokalen sind masslos übertrieben. Von den über 2000 Zünftern gibt es nur eine Handvoll, die zu tief ins Glas schaut. Die übrigen halten sich zurück und geniessen das offizielle Abendprogramm, insbesondere die träfen Reden – übrigens oft auch im Beisein von weiblichen Ehrengästen.

Das Sechseläuten-Programm

Das Sechseläuten 2016 beginnt bereits am Freitag ab 16 Uhr mit dem Festbetrieb auf dem Lindenhof, wo auch die Gastzunft Zunft zur Safran aus Luzern Brauchtum aus dem Innerschweizer Kanton vorstellt. Am Samstag finden zusätzlich für die Zünfter und deren Begleitungen verschiedene Bälle statt. Tags darauf erfolgt um 14.30 Uhr beim Stadthausquai der Abmarsch des Kinderumzuges. Der eigentliche Sechseläutenumzug beginnt dann am Montag um 15 Uhr. Der Zug startet von der unteren Bahnhofstrasse und zieht übers Limmatquai zum Sechseläutenplatz, wo die Verbrennung des Böögg stattfindet. Weitere Infos unter: www.sechselaeuten.ch

Lesen Sie auch den Beitrag über die Geschichte des Sechseläutens ("Als die Flammen an das Ungetüm hinaufleckten"). Klicken Sie hier.

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Leserkommentare

Werner Egli - Ich danke den beiden Zunftkollegen für ihre Beurteilung des heutigen Zunftwesens. irgendwie merkt man, dass sie in Zünften sich bewegen, die der neuen Linie angehören. Ich selbst bin auch Zünfter in der Quartierzunft St.Niklaus und leben als 90jährigre
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