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Interview

Hat immer noch Freude an ihrem Amt als Stadtpräsidentin: Corine Mauch. Bild: Nandor Nagy

«Um Zürichs Attraktivität zu erhalten, müssen wir investieren»

Von: Sacha Beuth

03. Januar 2017

JAHRESINTERVIEW 2016 Die vielen kulturellen Events und die Gastfreundschaft gegenüber Flüchtlingen haben Corine Mauch vergangenes Jahr viel Freude bereitet. Im traditionellen Jahresinterview blickt die 56-Jährige grundsätzlich optimistisch, aber bezüglich der Finanzen auch etwas besorgt ins 2017.

Wie lautet Ihre Bilanz für das Jahr 2016?

Corine Mauch: Es war ein sehr lebhaftes Jahr, insbesondere was die Kultur angeht. So durften wir das 100-Jahr-Jubiläum von Dada feiern, einer Kunstbewegung, die in Zürich ihren Anfang nahm und von hier in die ganze Welt getragen wurde. Auch die Festspiele Zürich und die Manifesta 11 haben Zürich in den internationalen Fokus gebracht. Bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise wurde sowohl von Behörden- wie von privater Seite Enormes geleistet. Im Bereich Bauen konnte das neue Landesmuseum eingeweiht, der Grundstein für die Erweiterung des Kunsthauses gelegt und die Abstimmungen zu Kongresshaus und Tonhalle und über ein neues Eishockeystadion in Altstetten gewonnen werden. Zürich entwickelt sich auch wirtschaftlich dynamisch und ist attraktiv.

Was hat Sie am meisten gefreut? Und was war aus Ihrer Sicht die grösste Enttäuschung?

Am meisten gefreut hat mich die solidarische Reaktion der Bevölkerung gegenüber den Flüchtlingen. Viele Zürcherinnen und Zürcher haben ihnen Obdach angeboten, Deutschkurse erteilt oder sie in Sportclubs aufgenommen. Aber auch die Stadtverwaltung hat zusammen mit der Asylorganisation Zürich ihren Teil beigetragen, indem sie beispielsweise zusätzlichen Platz für 800 Flüchtlinge schuf. Die Flüchtlingsthematik ist zugleich meine grösste Enttäuschung. Der Flüchtlingsstrom und das Leid halten immer noch an, und wir können nicht allen helfen – auch wenn Zürich neu auch direkt vor Ort schwer belastete libanesische Gemeinden unterstützt.

Eine Enttäuschung war sicherlich die Affäre um das Koch-Areal und die ungenügende Information von Richard Wolff an seine Stadtratskolleginnen und -kollegen. Welche Lehren wurden daraus gezogen?

Zu diesem Thema haben wir innerhalb des Stadtratskollegiums viele Gespräche geführt. Ich glaube, dass alle Beteiligten ihre Lehren daraus gezogen haben. Meiner Meinung nach wurde die Situation von den politischen Parteien und den Medien etwas aufgebauscht. Der Stadtrat hat umgehend und richtig gehandelt: Richard Wolff trat in den Ausstand, und Daniel Leupi – der als ehemaliger Vorsteher des Sicherheitsdepartements die nötige Erfahrung hat – übernahm das Dossier.

In den letzten Jahren mehren sich in Zürich Lärmklagen. Nebst dem bereits erwähnten Koch-Areal sind die Innenstadt und die Umgebung des Letzi­grunds offenbar besonders betroffen. Wie will die Stadt die Situation entschärfen?

Nulltoleranz beim Lärm wäre der falsche Weg. Wenn ab 22 Uhr immer und überall strikte Nachtruhe sein müsste, wäre Zürich nicht so lebendig, wie es jetzt ist. In einer Stadt ist es manchmal laut. Wichtig ist, Verständnis für das Gegenüber zu entwickeln. Wenn die nötige Toleranz über Gebühr beansprucht wird, müssen wir Grenzen setzen.

Das grösste Kaliber in Sachen Lärm ist das An- und Abflugregime im Flughafen Zürich. Jährlich gibt es neue Lösungsvorschläge. Was ist hier das Ziel des Stadtrats?

Wir anerkennen einerseits die wirtschaftliche Bedeutung des Flughafens für Zürich als Wirtschaftszentrum und Tourismusdestination. Zugleich setzen wir uns dafür ein, dass vom Flugbetrieb möglichst wenige Personen mit möglichst wenig Lärm belastet werden. Darum sind wir gegen den Südstart geradeaus. Die nördlichen Stadtquartiere tragen bereits eine hohe Lärmlast. Noch mehr wäre zu viel.

Ein anderes Dauerthema sind die stetig steigenden Mieten. Im Hochpreissegment war zwar eine stagnierende oder gar leicht rückläufige Tendenz feststellbar, nicht jedoch im tiefen Segment. Müsste die Stadt auf dem Wohnungsmarkt nicht noch aktiver werden?

Wir sind schon sehr aktiv und unternehmen viel, um dem Auftrag, den wir vom Stimmvolk haben, nämlich den Anteil der gemeinnützigen Wohnungen auf ein Drittel zu erhöhen, nachzukommen. Wir stellen Genossenschaften Land im Baurecht zur Verfügung, wir bauen eigene Siedlungen und unterstützen über städtische Stiftungen Be- völkerungsgruppen, die es auf dem Wohnungsmarkt besonders schwer haben.

Die hohen Mieten sind auch für das Gewerbe ein Problem. So mussten etwa Pastorini und das Pelzgeschäft Wyssbrod aufgeben, Manor wird wohl ebenfalls gehen müssen, und auch Franz Carl Weber ist von der Bahnhofstrasse an einen günstigeren Platz weggezogen. Was halten Sie von dieser Entwicklung?

Diese Entwicklung ist in den Städten weltweit zu beobachten. Der Onlinehandel macht dem Gewerbe Konkurrenz. Wir können darauf nur sehr begrenzt Einfluss nehmen und auch nur dort, wo die Stadt eigene Liegenschaften besitzt wie etwa im ­Niederdorf.

Als kunstaffine Person hatten Sie viel Hoffnung in die Manifesta 11 gesetzt. Die Besucherzahlen waren aber eher durchschnittlich. Das gewöhnliche Volk interessierte sich offenbar mehr für die Fussball-EM. Enttäuscht?

Die Manifesta zählte fast doppelt so viele Besuche wie erwartet. Und wenn ich mir die gut gebuchten Führungen an der Manifesta anschaue, dann glaube ich schon, dass die Bevölkerung erreicht wurde. Schade fand ich, dass sich die Zürcher Kunstszene nicht stärker daran beteiligt hat. Ich hatte das Gefühl, als ob sie sich bewusst auf Distanz gehalten und so eine Chance nicht genutzt hat.

Nach einem steten Zustrom kehren nun viele hoch qualifizierte Ausländer, insbesondere Deutsche, wieder in ihre Heimat zurück. Auch immer mehr Start-ups ziehen lieber nach Berlin oder London statt nach Zürich. Ein Problem?

Nein. Einerseits wächst Zürich immer noch, vor allem, weil die Geburtenrate gestiegen ist. Andererseits ist Zürich nach wie vor – das wird in zahlreichen internationalen Städtevergleichen immer wieder bestätigt – höchst attraktiv und bietet eine einzigartige Lebensqualität. Aber es ist auch klar: Um diese zu erhalten, müssen wir investieren. In Krippenplätze, in Schulen, in Wohnraum, in den öffentlichen Verkehr und in die Kultur.

Vorletzte Woche konnte sich der Gemeinderat nach einer Monsterdebatte von 27 Stunden auf ein Budget für 2017 einigen. Es sieht ein Minus von 27 Millionen Franken vor. Sind Sie mit dem Resultat zufrieden?

Die Finanzen der Stadt sind im Lot. Trotz Finanzkrise haben wir immer noch über eine halbe Milliarde Eigenkapital. Das ist nicht selbstverständlich. Das budgetierte Minus für 2017 liegt im Rahmen, die Rechnung 2016 werden wir voraussichtlich mit einem Plus von 175 Millionen Franken abschliessen. Grosse Sorgen bereiten uns die drohenden Ausfälle bei einer Annahme der Unternehmenssteuerreform III. Sie würden ein Loch von rund 300 Millionen Franken pro Jahr in unsere Kasse reissen.

Welche Projekte stehen bei Ihnen im nächsten Jahr besonders im Fokus?

In der ersten Januarwoche beginnen bereits die Feierlichkeiten zum Reformationsjubiläum. Ende Januar starten wir die Analyse der Tanz- und Theaterlandschaft, die eine Grundlage für die künftige Kulturpolitik sein wird. Und dann will ich zusammen mit den Stadtpräsidenten der 10 grössten Schweizer Städte die Idee weiterverfolgen, ob wir miteinander eine Landesausstellung für die ganze Schweiz durchführen könnten.

Im letzten Jahresinterview sagten Sie, Sie hätten immer noch Freude an Ihrem Amt. Ist das immer noch so? Und falls ja: Stellen Sie sich dann für nächstes Jahr zur Wiederwahl?

Meine Arbeit als Stadtpräsidentin gefällt mir sehr. Ich habe mit meiner Partei abgemacht, dass ich in diesem Frühjahr bekannt geben werde, ob ich erneut als Stadtpräsidentin dieser grossartigen Stadt kandidiere.

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