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Interview

Die Kunst verbindet und inspiriert sie: Schauspieler Beat Schlatter und Buchproduzentin Mirjam Fischer in der Buchhandlung Never Stop Reading im Niederdorf. Bilder: Nicolas Y. Aebi

Wenn Frau Fischer bei ihrem "liebschtä Maa" an die Tür klopft

Von: Ginger Hebel

29. Januar 2018

Beat Schlatter und Mirjam Fischer leben eine unkonventionelle Beziehung. Sie sind verheiratet, haben aber getrennte Wohnungen. Er siezt sie – sie klopft an seine Tür. Und sie schreiben sich Postkarten.

Welche Kosenamen verwenden Sie füreinander?

Beat Schlatter: Ich sieze meine Frau, nenne sie Frau Fischer. Das gefällt mir.

Mirjam Fischer: Ich sage, «sali Maa» oder «liebschtä Maa». Wenn ich so drüber nachdenke, ist es eigentlich total unromantisch, aber wir beide wissen ja, wer damit gemeint ist. (lacht)

Was verbindet Sie?

Beat: Wir haben Hunderttausende Gemeinsamkeiten, eine herauszuheben, wäre wertend. Es sind die kleinen, alltäglichen Dinge, die es ausmachen, dass unsere Beziehung so gut funktioniert, wie sie funktioniert. Die Kunst ist definitiv ein starkes Bindeglied.

Mirjam: Die Liebe zu Kunst und Büchern. Wir können stundenlang durch Ausstellungen schlendern und in Buchhandlungen verweilen.

Wann haben Sie das letzte Mal ­gestritten und worüber?

Mirjam: Wir leben ja in getrennten Wohnungen. Ich bin öfter bei Beat, und weil ich dann quasi zu Gast bin, kaufe ich selten ein. Da entsteht manchmal eine Reibungsfläche, weil jeder erwartet, dass der andere einkauft. Streit gibt es bei uns jedoch höchst selten. Das liegt wohl daran, dass wir über Dinge, die unausgesprochen möglicherweise zu einem veritablen Streit führen könnten, reden und Probleme auf geschmeidige Art lösen; stets mit Humor, darin sind wir gut.

Beat: Das ist eine der ganz grossen Gaben von Frau Fischer. Sie hat viel Humor und ist im Privatleben lustiger als ich. Ich bin wie eine Putzfrau, die daheim nicht mehr selber putzen mag. Ich will nicht immer lustig sein, oft brauche ich absolute Ruhe, darüber macht sich Frau Fischer dann erst recht lustig. Zuhören kann sie übrigens definitiv besser als ich.

Warum leben Sie als Ehepaar in getrennten Wohnungen?

Mirjam: Zwei Wohnungen in Zürich zu haben, ist ein Luxus, für welchen wir uns oft rechtfertigen müssen. Wir haben uns für diese Art des Zusammenlebens bewusst entschieden, auch, weil wir unterschiedliche Arbeitszeiten haben und Beat oft abends auf der Bühne steht. Hinzu kommt, dass ich sehr gut auch mal allein sein kann.

Beat: Ich erinnere mich an eine Vorstellung, als ein Zuschauer zu mir kam und meinte: ‹Da vorne sitzt meine Frau. Könnten Sie ihr bitte sagen, wie gut es ist, wenn man nicht zusammen wohnt.› Da musste ich lachen. Ich lerne pro Tag im Schnitt sechs neue Leute kennen, kommuniziere viel. Oft ist das sehr ermüdend, da bin ich froh, wenn ich zu Hause nicht immer schwatzen muss.

Ist räumliche Distanz also Ihr ­Erfolgsrezept für eine glückliche Beziehung?

Mirjam: Es ist nicht unser Credo. Aber es macht die Beziehung spannend, denn wir machen immer ab, wenn wir uns sehen wollen, und sind dann sehr fokussiert aufeinander. Es ist, wie wenn man sich mit einer Freundin trifft. Da nimmt man sich dann auch intensiv zwei Stunden Zeit und beschäftigt sich nebenbei nicht noch mit anderen Dingen.

Beat: Ich habe aber meistens länger als zwei Stunden Zeit für dich. (beide lachen)

Haben Sie Rituale?

Mirjam: Als wir uns vor zehn Jahren kennen lernten, telefonierten wir immer zwischen zwei und drei Uhr nachmittags. Aktuell hören wir uns morgens und abends, und wir schreiben uns Postkarten, wo immer wir sind. Beat steht früher auf als ich. Wenn ich bei ihm bin, klopfe ich an die Küchentür.

Beat: Das mit dem Klopfen hat eine Vorgeschichte. Ich bin ein schreckhafter Mensch. Nach dem Vorfall in Meilen, wo ich von einem Fremden niedergeschlagen wurde, hat sich das noch verstärkt. Als Künstler bin ich zudem oft in Gedanken versunken. Wenn  dann  plötzlich  jemand hinter mir steht, erschrecke ich mich fürchterlich, auch in der eigenen Wohnung. Dann ruft Frau Fischer: «Ich bins doch, deine Frau!»

Mirjam: Auch in den Ferien pflegen wir Rituale. Wir lieben Italien, gehen aber nie zweimal an denselben Ort. Dafür suchen wir uns am Reiseziel jeweils ein Restaurant, das uns gefällt, und bleiben diesem die ganzen Ferien über treu. Wenn wir zurück sind, schreiben wir den Wirten eine Postkarte. Wir haben noch eine Dankeskarte von unserer Hochzeit, wo wir beide drauf sind.

Was haben Sie zuletzt voneinander gelernt?

Mirjam: Beat ist ein Mann der Taten, das imponiert mir. Wenn etwas nicht funktioniert, kümmert er sich sofort darum. Das nehme ich mir zu Herzen: (schaut ihren Mann an) Hast du auch was von mir gelernt?

Beat: Dass man bei der Steuererklärung besser ein paar Belege aufbewahren sollte. (schmunzelt)

Mirjam: Oh, ja. Aber Beat ist eigentlich ein sehr gut organisierter Mensch. Ob bei seinen Fotos auf dem Computer oder bei Postkarten, er ordnet alles und schreibt alles an. Da ist ein System dahinter.

Aktuell sind Sie mit Ihrem neuen Theaterstück «Die Bank-Räuber» im Theater am Hechtplatz zu sehen. Wie wichtig ist es Ihnen, dass Ihre Frau bei den Vorstellungen dabei ist?

Beat: Als Künstler hat man das gar nicht so gern. Die besten Vorstellungen sind diejenigen, wo man niemand im Publikum kennt. Wenn Frau Fischer in der ersten Reihe sitzt, bin ich immer leicht abgelenkt.

Mirjam: Es ginge mir wohl genauso. Aber an die Premiere gehe ich immer, da muss er durch. Manchmal bin ich etwas neidisch, wenn er erzählt, wie die Vorstellung gerockt habe. Ich möchte ja auch ein Teil davon sein. Den Flitzerfilm habe ich mehrmals gesehen. Auch «Die Bank-Räuber» werde ich sicher noch einige Male schauen. Ich werde es so einfädeln, dass er nicht weiss, dass ich im Publikum sitze.

Gut zu wissen

Beat Schlatter (56), geboren in Zürich, ist Schauspieler, Komiker und Drehbuchautor. Er blickt auf eine über 30-jährige Bühnenkarriere zurück. Bis 25. Februar 2018 ist er in seinem aktuellen Stück «Die Bank-Räuber» im Theater am Hechtplatz zu sehen. Es ist das Nachfolgestück der Mundart­komödie «Polizeiruf 117». www.theateramhechtplatz.ch

Mirjam Fischer (48), geboren in Bern. Die Kunsthistorikerin studierte Kunstgeschichte, Architekturgeschichte und Germanistik, arbeitete in Museen und Verlagen. Letztes Jahr hat sie sich als Buchproduzentin selbstständig gemacht. Das erste gemeinsame Buchprojekt mit ihrem Mann heisst «Rock-’n’-Roll-­Hinterland – Swiss Backstages» und zeigt knapp 250 Künstlergarderoben der Deutschschweiz, fotografiert von Beat Schlatter.
www.scheidegger-spiess.ch

Beat Schlatter und Mirjam Fischer begegneten sich vor zehn Jahren bei einer Kunstvernissage zum ersten Mal. Mirjam Fischer sprach ihn an, weil sie ihn im Kinofilm «Katzendiebe» gesehen hatte und ihn unbedingt kennen lernen wollte. Die beiden tauschten Nummern aus. Er erzählte, dass er seinen Geburtstag immer allein im Ausland feiere. Am darauffolgenden Tag sass er im Zug nach Genua, da bekam er eine SMS. «Sitze im Speisewagen, Mirjam.» Diese Überraschung wird er nie vergessen. Gemeinsam verbrachten sie ein Wochenende in Genua, es funkte. 2011 heirateten die beiden im Brockenhaus. Mirjam Fischer lebt im Zürcher Industriequartier, Beat Schlatter im Niederdorf.

Tickets zu gewinnen

Das «Tagblatt» verlost 2 × 2 Karten für das Theaterstück «Die Bank-Räuber» mit Beat Schlatter und Ensemble im Theater am Hechtplatz für Sonntag, 4. Februar, 19 Uhr. Schreiben Sie uns eine E-Mail mit Namen, Adresse, Telefon und Betreff Bank-Räuber an: gewinn@tagblattzuerich.ch

 

 

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