mobile Navigation

Interview

Verantwortlich für die Topfkollekte in der Stadt: Divisionsleiter und Major Markus Zünd. Bild: JS

"Wir haben in Zürich ein Nachwuchsproblem"

Von: Jan Strobel

15. Dezember 2015

Heilsarmee: Dieser Tage findet wieder die traditionelle Topfkollekte auf den Zürcher Strassen statt. Wir sprachen mit Major und Divisionsleiter Markus Zünd über Nächstenliebe und die Zukunft der Heilsarmee.

Herr Zünd, gestern begann wieder die Topfkollekte. Wie verlief der erste Tag?
Markus Zünd: Wir sind sehr zufrieden mit dem Start. Unsere Freiwilligen leisten wieder einen enormen Einsatz – und es zeigt sich, dass den Zürcherinnen und Zürchern die Hilfe für Bedürftige, Obdachlose und einsame Menschen nach wie vor ein grosses Anliegen ist. Das Gefühl für Solidarität ist stark verankert. Und die Heilsarmee ist und bleibt eine feste Grösse, eine Institution, in welche die Menschen Vertrauen setzen. Immerhin sind wir seit 1882 in der Schweiz präsent, nicht nur als Kirche im Dienst Gottes und Jesus Christus, sondern auch als eines der ältesten immer noch existierenden Sozialwerke.

Letztes Jahr konnte die Heils­armee mit der Topfkollekte schweizweit rund 1,5 Millionen Franken an Spenden einnehmen. Tendenz steigend?
Wir konnten bei der Heilsarmee tatsächlich einen leichten Anstieg an Spendengeldern verzeichnen. Das hängt sicherlich auch damit zusammen, dass wir nicht mehr nur in den grossen Städten, sondern auch in kleineren Ortschaften mit der Topfkollekte präsent sind. Von einem allgemein starken Anstieg an Spenden in der Schweiz würde ich grundsätzlich aber nicht sprechen.
 
Das heisst, Sie halten nicht viel von der in letzter Zeit in gewissen Medien postulierten «neuen Selbstlosigkeit», gerade in Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise?
Bei den Spendeneinnahmen haben wir es ja immer mit einer Wellenbewegung zu tun. Geschieht eine Katastrophe, denken Sie zum Beispiel an den Tsunami in Thailand, spenden die Menschen natürlich mehr, weil sie sich selbst davon betroffen fühlen. Das ebbt dann aber jeweils wieder ab. Die aktuelle Flüchtlingskrise ist ein anderes Phänomen, sie ist kein singuläres Ereignis, sondern der Anfang einer Entwicklung, die unsere Gesellschaft in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten verändern wird. Wir wissen noch nicht, wie sich diese Katastrophe genau entwickelt.

Engagiert sich auch die Heilsarmee in der Flüchtlingsfrage?
Unsere Topfkollekte ist strikt auf das Lokale begrenzt. Die Gelder kommen also Bedürftigen vor Ort, das heisst für uns in der Stadt Zürich, zugute, unserer Sozialen Beratungsstelle, dem Wohnheim für Männer und Frauen, der Kinderkrippe oder den Weihnachtsfeiern für Bedürftige. Als Heilsarmee Schweiz führen wir, im Auftrag des Bundes, Aufnahmezentren im Kanton Bern. Die Heils­armee aus Grossbritannien ist allerdings zum Beispiel in Flüchtlingslagern in Jordanien präsent und hilft dort zusammen mit dem Roten Kreuz syrischen Flüchtlingen.  

Warum ist die Heilsarmee als Sozialwerk eigentlich nicht Zewo-Mitglied?

Wir arbeiten nach Richtlinien des Zewo und unterstehen der eidgenössischen Stiftungsaufsicht. Unsere Jahresrechnung wird vor einem staatlich beaufsichtigten Revisionsunternehmen offengelegt. Eine Mitgliedschaft bei der Zewo ist deshalb für die Heils­armee nicht notwendig.

Die Heilsarmee ist eine Freikirche. Wie sieht das Verhältnis zur reformierten Landeskirche aus?
Das Verhältnis gestaltet sich sehr gut. Wir arbeiten regelmässig in der Schweizerischen Evangelischen Allianz zusammen, einem Netzwerk evangelischer Christen. Unsere diesjährige Weihnachtsfeier für Bedürftige konnten wir beispielsweise im reformierten Kirchgemeindehaus in Wipkingen durchführen.

Wie steht es eigentlich um den Nachwuchs in der Heilsarmee? Ist der uniformierte Dienst an Gott für  junge Erwachsene noch attraktiv?
Zumindest in der Stadt Zürich haben wir es tatsächlich mit einem Nachwuchsproblem zu tun. Das beschäftigt uns natürlich. Wir sind eben nicht bloss ein philanthropischer Verein. Man verschreibt sein Leben Gott im Dienst der Heilsarmee. Grundlage ist der Glaube an Gott, die Verkündigung Christi. Auch eine Uniform anzuziehen und damit auf Alkohol und Rauchen zu verzichten, das mag für viele Junge kaum noch vorstellbar zu sein, deshalb haben wir in den letzten Jahren trendigere Uniformstile kreiert.

Welche Projekte stehen 2016 bei der Heilsarmee Zürich an?
Unser ehemaliges Männerheim an der Dienerstrasse im Kreis 4 wird ab Sommer 2016 neu als Bed & Breakfast betrieben, also zu einer Art Heilsarmee-Hotel. Wir werden dort junge, bedürftige Männer im Betrieb anlernen und ihnen so berufliche Perspektiven eröffnen.

Sind Sie bei Facebook? Werden Sie Fan vom Tagblatt der Stadt Zürich

zurück zu Interview

Artikel bewerten

Gefällt mir 2 ·  
Noch nicht bewertet.

Leserkommentare

Keine Kommentare