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Interview

Gibt nicht auf: Beat Glogger steigt ins Sakko, um mehr Finanzgeber von seiner Idee zu überzeugen. (Bild: René Ruis)

Wissensplattform in Not

Von: Christian Saggese

25. Februar 2020

Das Wissensmagazin «Higgs.ch» von Wissenschaftsjournalist Beat Glogger startete ein Crowdfunding. Auch die «Tagblatt»-Leser dürfen von diesem «Wissen, verständlich und attraktiv aufbereitet», profitieren. 

Die Möglichkeit, sein auf Fakten basiertes Wissen zu erweitern, sollte jedem Menschen unentgeltlich zur Verfügung stehen. Diese Meinung vertritt Wissenschaftsjournalist Beat Glogger. Deswegen gründete er vor zwei Jahren die Online-Wissensplattform «Higgs.ch». Zudem stellt seine Redaktion unter anderem dem «Tagblatt» alle zwei Wochen die Seite «Wissen» mit fundierten Artikeln zur Verfügung. Aber die Existenz von «Higgs.ch» ist bedroht. Bis Ende 2019 erhielt Glogger Geld von der Gebert-Rüf-Stiftung. Die Stiftung zahlt jedoch nicht mehr, weil sie sich nur an der Anschubfinanzierung beteiligte. Das fehlende Geld soll nun über ein Crowdfunding zusammenkommen. 


Im Januar 2018 ging «Higgs.ch» online, warum droht bereits das Aus?

Beat Glogger: Unser Angebot ist auf externe Geldgeber angewiesen, da wir unsere Aufgabe darin sehen, der Bevölkerung kostenlos Wissen zur Verfügung zu stellen. Unsere Inhalte und die Qualität finden bei Hochschulen, wissenschaftlichen Institutionen und auch bei grossen Firmen Anerkennung. Darum dachten wir, sie würden sich an der Finanzierung beteiligen, schliesslich profitieren sie von einer aufgeklärten Bevölkerung und breitem Allgemeinwissen. Leider haben wir den Aufwand unterschätzt, um von diesen grossen Playern auch finanzielle Unterstützung zu erhalten. Dabei waren unsere Vorstellungen meines Erachtens nicht übermässig hoch. Beispielsweise schlugen wir der Erziehungsdirektorenkonferenz vor, dass jeder Kanton jährlich 10' 000 Franken beisteuert. Das hätte uns zwei Stellen finanziert. Unsere Anfrage wurde abgelehnt. Auch bei den Unis und Wirtschaftsverbänden haben wir bisher auf Granit gebissen. 

Vielleicht verstehen diese nicht, warum sie eine Wissensplattform unterstützen sollten, wo doch heute jeder Zugriff auf Wikipedia hat.

Natürlich kann man sich Informationen auf Wikipedia selbst zusammensuchen. Diese sind aber teilweise in recht wissenschaftlicher Sprache abgefasst. Higgs hingegen bricht die Komplexität herunter, so dass die Inhalte für alle verständlich und gerne auch unterhaltsam sind. Wir wählen Themen, die die Bevölkerung direkt betreffen, und beleuchten Wissenschaft in ihrem Bezug zum Alltag, zu Politik und Gesellschaft. Ausserdem kursiert im Internet vieles, das faktisch falsch ist.

Welche Fake News nerven Sie am meisten?

Da gibt es einige, doch nehmen wir die Klimaerwärmung. Die Wissenschaft warnt seit 40 oder mehr Jahren davor. Jeder Messpunkt der Welt bestätigt die Erwärmung. Und doch gibt es plötzlich «Experten», die behaupten, was jetzt ablaufe, sei normal oder sogar, dass CO₂ kein Treibhausgas sei. Das widerspricht grundlegender Physik und der aktuellen wissenschaftlichen Forschung. Das stimmt mich sehr nachdenklich. Man findet im Internet immer irgendwelche Informationen, die zur eigenen Meinung passen. Doch eine Meinung ist kein Fakt.

Es gibt andere Webportale mit wissenschaftlichen Inhalten. Worin unterscheidet sich Higgs?

Wir bieten mehrere interaktive Formate, mit denen wir eine Brücke zwischen Bevölkerung und Forschenden schlagen. Zum Beispiel den «Scientist Takeover». Hier kapert eine Wissenschaftlerin oder ein Wissenschaftler einen Tag lang unseren Instagram-Kanal und berichtet live. User können Fragen stellen. In meiner Talkreihe «Wissenschaft persönlich» hat das Publikum ebenfalls die Gelegenheit, mit Forschenden in den direkten Austausch zu treten.

Ein Crowdfunding soll «Higgs.ch» nun retten. Bis Redaktionsschluss hatten Sie bereits Zusagen von 72 Prozent der benötigten 111 111 Franken. Haben Sie mit einer solch positiven Resonanz gerechnet?

Es war schwierig, abzuschätzen, aber wir haben daran geglaubt. Nun ist es ein schönes Zeichen, dass das Publikum bereit ist, für unsere Arbeit zu bezahlen. Wenngleich wir so natürlich nicht an die grossen Beträge herankommen. Aber die Anerkennung tut gut und zeigt, dass Higgs einem Bedürfnis entspricht.

Warum 111 111 Franken?

Die Zahl ist ein Jux. Wir sind mit einem budgetierten Defizit von 100'000 Franken ins Jahr gestartet. Zudem ist «Higgs.ch» am 11.1. um 11.11 Uhr online gegangen. Und wir wollen die Nummer 1 sein (lacht).

Ist das Crowdfunding wirklich die letzte Lösung?

Natürlich hofft man immer noch auf den Millionär, der plötzlich auftaucht (lacht). Es ist aber nicht so, dass wir einfach auf Almosen warten. Wir mussten infolge der knappen Finanzen das Team reduzieren. Und wir arbeiten mit Hochdruck an weiteren Finanzierungsmöglichkeiten: Sponsoring von Formaten, Paid Content oder sogar Werbung.

Müssen Supporter nicht damit rechnen, nächstes Jahr erneut um eine Spende gebeten zu werden?

Spenden nehmen wir natürlich immer gerne entgegen. Aber ein so breit angelegtes Crowdfunding ist eine einmalige Sache. Es ist eine Überbrückungslösung, bis wir neue Finanzierungsmodelle gefunden haben.

Ihr Sitz ist in Winterthur. Gibt es Pläne, dass auch die Stadtzürcher noch mehr von «Higgs.ch» profitieren können?

Ja! Wir haben gerade den «Higgs»-Club lanciert. Alle Unterstützerinnen und Unterstützer erhalten während eines Jahres ihre Mitgliedschaft geschenkt. Gemeinsam begeben wir uns dann auf Exkursionen an die spannendsten Orte der Schweizer Wissenschaft und bieten so die Möglichkeit, hinter deren Kulissen der Forschung zu blicken. Vieles von dem neuen Angebot wird sich in Zürich abspielen.


Weitere Informationen:

Crowdfunding unter
www.wemakeit.com/projects/das-schweizer-wissensmagazin

Kostenlose Wissensartikel unter
www.higgs.ch
www.higgs.ch und alle zwei Wochen, so am 4.3., im «Tagblatt»

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Leserkommentare

Erica Gassmann - Danke Tagblatt!

Vor 2 Monaten 3 Wochen  · 
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